Lasst doch der Jugend ihren Lauf...

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Review | Kritik | Bewertung
Frau Müller muss weg! (2015)

Bewertung: 4 von 6
Studio: Constantin Film
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Eigentlich freue ich mich schon auf künftige Elternabende. Nicht etwa weil ich selbst zum nicht selten infrage gestellten Lehrkörper zähle, sondern (ohne arrogant klingen zu wollen) weil ich über eine deutlich fundiertere pädagogisch-psychologische Ausgangsqualifikation verfüge. Ob mich dieser (akademische) Umstand dann automatisch für den Wort führenden Elternsprecher prädestiniert? Ich weiß es nicht... Besser gesagt würde ich es bezweifeln, verfüge ich doch über genügend Verständnis für eine häufig belächelte Berufsgruppe. „Stressiger Alltag bei so viel Freizeit? Das kann eigentlich kaum sein.“ lautet das meist genannte Vorurteil. Andererseits schnallen um das Wohl ihrer Kinder besorgte Erwachsene dem Lehrpersonal – einem gesellschaftlichen Wandel geschuldet – einen mit erzieherischen Aufträgen immer praller gefüllten Rucksack um die Schultern. Ohne daran zu denken, wie beschwerlich der steinige Weg werden könnte, den sie selbst lieber vermeiden.


Erziehung und Schulbildung gehen Hand in Hand. Der Großteil einer zunehmend naiven Bevölkerung glaubt das anscheinend und lehnt sich entspannt zurück. Warum soll man die Fehler auch bei sich selbst suchen? Vorbild sein – das passt nicht in einen egoistischen Lebensentwurf. Kinder hat man halt, das gehört dazu. Obendrein erschwert ein biologischer Schutzmechanismus eine objektive Sichtweise. Eltern sehen das alltägliche Verhalten der Sprösslinge bevorzugt durch die rosarote Brille, wenn der kleine Justin mit „lebhaften Charakter“ voller Lebensfreude das Wartezimmer einer Arztpraxis zerlegt. Gibt es dagegen keine Pille? Ja, und zwar eine sehr bittere, denn Kinder sind der Spiegel unserer Gesellschaft. Bildungsniveau spielt keine Rolle, Hauptsache Gymnasium. Der Entschluss steht fest und wehe, es stellt sich diesem jemand in den Weg... Dann heißt es schnell mal: Frau Müller muss weg! Womit wir nach meinem bewusst kritischen Exkurs beim eigentlichen Thema, der gleichnamigen deutschen Komödie von Sönke Wortmann angelangt wären.

movie-fraumuellermusswegDie 87 Filmminuten wirken knapp, Lutz Hübner's Theaterstück als Grundlage bringt jedoch vieles auf den Punkt, weshalb ich nicht gleich alles verraten möchte. Eine illustre Gruppe zitiert das auserkorene Feindbild in Person der Klassenlehrerin Frau Müller (gespielt von Gabriela Maria Schmeide) zu einer gesonderten Sprechstunde in die Dresdener Juri Gagarin Grundschule. Über Einzelschicksale wollen sie anfangs nicht sprechen, stellen sich als „gemeinsame Stimme“ sämtlicher Eltern der Schulklasse hin. Jessica Höfel (Anke Engelke) schießt scharf, bemängelt ein schlechtes Klassenklima, zu viele Hausaufgaben und die Noten würden in den Keller gehen. Schuld daran soll einzig und allein die offensichtlich überlastete Lehrerin sein, nicht etwa maßgebliche Faktoren wie Leistung, Lernbereitschaft und Auffassungsgabe. Der cholerische Wolf Heider (Justus von Dohnányi) merkt an, „er habe zuletzt zwei Tage an einem Kastanienmännchen für das Umweltprojekt seiner Tochter benötigt“ und offenbart damit das eigentliche Problem. Er ist ein Kontrollfreak, hat nach eigenen Angaben „mehr Angst vor dem Übertrittszeugnis, als seine Janine“ und macht deshalb ihre Hausaufgaben. Prima, das fördert ihre Selbstständigkeit ungemein.

Noch schlimmer ist das passiv-aggressive Beziehungsgespann Patrick und Marina Jeskow (Ken Duken, Mina Tander), die partout nicht begreifen wollen, dass ein berufsbedingter Ortswechsel von Köln nach Dresden sowie ihre unausgesprochenen Differenzen den Sohnemann aus der Bahn wirft und zu einem Problemkind werden lässt. Zu diesen Erkenntnissen gelangt wenigstens der Zuschauer im weiteren Verlauf der Komödie. Die besonnene, um Streitschlichtung bemühte Katja Grabowski (Alwara Höfels) ist zum Krisengespräch zwar anwesend, kann aber Frau Müller wenig vorwerfen. Ihr Sohn Fritz ist Klassenbester mit konstant guten Leistungen. Dass er deswegen auf sie „noch lange nicht glücklich wirkt“, bleibt eine dezente Randnotiz. Für bessere Noten würden die restlichen anwesenden Eltern(teile) sogar einen Pakt mit dem Teufel eingehen...



redakteur-alex

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Alexander Riede ist der Meinung...
Die exemplarisch dargestellte Frau M. ist seit 20 Jahren Lehrerin und liebt ihren Beruf, „auch wenn sich Schule verändert“. Das Szenenbild von Frau Müller muss weg! gleicht keinesfalls überspitzter Fiktion rein der Unterhaltung dienlich, sondern trauriger Realität. Wer über die nötige Beobachtungsgabe und Interpretationsspielräume verfügt, erkennt in jedem heranwachsenden Menschen den positiven Einfluss, aber ebenso massive Fehler, Ignoranz und unterlassener Hilfestellung der Eltern. Der an sich humorvoll (auch dank unverkennbarer Seitenhiebe in Richtung deutscher Mittelschicht) umgesetzte Film von Sönke Wortmann bietet einen wertvollen Denkanstoß in die passende Richtung.

Preisvergleich: Frau Müller muss weg!