Packende Geschichtsaufarbeitung

brd-imlabyrinthdesschweigens

Review | Kritik | Bewertung
Im Labyrinth des Schweigens (2015)

Bewertung: 4,5 von 6
Studio: Universal Pictures
www.imlabyrinth-film.de

Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gesagt und vor allem nichts getan. Das ist Deutschland am Ende der 50er Jahre. Die Wirtschaft springt wieder an, der Wiederaufbau läuft, wer interessiert sich da schon groß für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Vor diesem Hintergrund spielt Im Labyrinth des Schweigens. Regisseur Giulio Ricciarellie nähert sich dem Dauerbrenner Nazivergangenheit von einer etwas anderen Seite. Statt die Verbrechen direkt zu zeigen, thematisiert er deren Aufarbeitung. Im Gegensatz zu heute, wo es fast eine Übersättigung an nationalsozialistischen Themen im Fernsehen gibt, wo sich gefühlt jede zweite Dokumentation und jedes dritte Drama damit beschäftigen und selbst das Horror-Genre an allen Ecken Hitler's Schergen als Zombies auferstehen lässt, wollte niemand in den 50er und 60er Jahren viel darüber wissen. Nicht zuletzt, weil man ja irgendwie selbst verantwortlich sein könnte.


Kein Wunder also, dass der Held nicht nur auf eine Mauer des Schweigens, sondern auf ein ganzes Labyrinth stößt. Der junge Held heißt Johann Radmann (Alexander Fehling), ist Jurist und steht am Anfang einer Karriere als Staatsanwalt. Wie die meisten seiner jungen Zeitgenossen konzentriert er sich auf die eigene Zukunft, nicht auf die Vergangenheit seines Landes. Das ändert sich aber, als er den Journalisten Thomas Gnielka (André Szymanski) kennenlernt. Der versucht einen ehemaligen Wärter von Auschwitz anzuzeigen, welcher jetzt als unbescholtener Lehrer arbeitet. Sein Anliegen wird natürlich nicht bearbeitet, aber Radmann verspricht zu helfen. Da ein junger Staatsanwalt allein wenig ausrichten kann, sucht er sich Verbündete. Einer wird Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (gespielt von Gert Voss). Mit dessen Hilfe kann Radmann gegen enorme Widerstände den ersten Verbrecher vor Gericht bringen.

movie-imlabyrinthdesschweigensDer Grundstein für den Auschwitz-Prozess im Jahr 1963 ist gelegt. Das alles geht natürlich nicht ohne persönliche Opfer. Radmann wird immer besessener von der Materie, beginnt seinen Stress zu ertrinken, die Trennung von seiner Verlobten Marlene (Friederike Brecht) folgt und sogar seine Mitstreiter der ersten Stunde stößt er vor den Kopf. Am aussagekräftigsten sind aber die Auseinandersetzungen mit seiner Mutter über die Rolle des Vaters in der NS-Zeit. Damit wird thematisch der Bogen zu den kommenden 68ern gespannt. Regisseur Giulio Ricciarellie erschuf ein gutes Sittengemälde der 50er Jahre Deutschlands. Das Spießertum blüht wieder auf, Fragen sind unerwünscht und Andersdenkende werden ausgeschlossen. Wie üblich bei solchen Filmen geht die Darstellung etwas ins klischeehafte, wenn alte Männer den Status Quo verteidigen. Als athletischer, neugieriger und opferbereiter Jüngling bildet Radmann den erwünschten Kontrast. Natürlich braucht ein ungestümer Held einen weisen Meister, welcher in Form von Bauer daherkommt.

Trotzdem können die Bilder und Dialoge überzeugen, auch wenn ich sie mir etwas weniger stilisiert gewünscht hätte. Der tolle Cast - allen voran Hauptdarsteller Fehling - können das aber mehr als ausgleichen. Was dagegen automatisch mit der akkuraten historischen Behandlung des Themas kommt, sind gewisse Längen in der Handlung. Zum Ausgleich wird Radmann's Persönlichkeit ausgebaut. Das Schicksal des Landes wird an sein eigenes gebunden, was aber gern zu plakativen, teilweise nervenden Charakteren führt. Im Labyrinth des Schweigens bietet da einen guten Mittelweg, kann sich solchen Kritikpunkten jedoch nicht ganz entziehen. Es gibt Längen in der Mitte und Radmann's Entwicklung zum besessenen Einzelkämpfer kommt etwas sehr vorhersehbar daher. Das tut dem Anspruch des Films, etwas Licht auf eine filmisch vernachlässigte Episode deutscher Geschichte zu bringen, aber keinen Abbruch.



redakteur-sven

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Sven Sauerhammer ist der Meinung...
Im Labyrinth des Schweigens ist kein Film für jedermann. Zuschauer, bei denen sich Anspruch und Unterhaltung ausschließen, werden hier wohl weniger glücklich. Wer allerdings die üblichen Filme über den Nationalsozialismus und die Schuldfrage nicht mehr sehen kann, wird bei Giulio Ricciarellie's Werk sicher fündig. Die Inszenierung ist ordentlich, das Drehbuch umschifft die eine oder andere Klippe, welche dieses Genre so mit sich bringt und die spießbürgerlichen Wirtschaftswunder-Jahre sind toll getroffen.

Preisvergleich: Im Labyrinth des Schweigens