Bittersüßes Elektroland.

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Review | Kritik | Bewertung
Chvrches - The Bones of What You Believe (2013)

logo-saturnBewertung: 5 von 6
Label: Vertigo Berlin (Universal)
www.chvrch.es

Die Musikgeschichte hat gezeigt, dass es für neue Künstler oftmals gut ist, sich zunächst ein wenig rätselhaft und mysteriös in Szene zu setzen. Man denke an Lana del Rey, welche die musikalische Bühne mit dem angeblich selbst geschnittenen Video zu ihrer Debütsingle Video Games betrat und sich als „Gangster Nancy Sinatra“ bezeichnete, bevor klar wurde, dass es sich bei der blonden Sängerin keinesfalls um ein unbekanntes Talent aus dem gemeinen Volk handelte, welches quasi mehr durch Zufall von der Öffentlichkeit entdeckt wurde. Stattdessen steckt hinter dem Projekt die Millionärstochter Elizabeth Woolridge Grant, die nach dem ersten, gescheiterten Start einer Pop-Karriere jenes Alter-Ego erschuf, welches ihr neben den unbestrittenen gesanglichen Qualitäten schließlich zum Durchbruch verhalf. Bei der aus Schottland stammenden Newcomer-Band Chvrches, die vor kurzem ihr Debütalbum The Bones of What You Believe veröffentlichte, mag es ganz ähnlich gelagert sein.


Die dreiköpfige Elektropop-Kombo aus Glasgow machte zunächst auch ein großes Geheimnis darum, wer oder was genau hinter dem Projekt Chvrches steckt. Im Mai 2012 erschien deren erste Single Lies und neben diesem Track und dem Bandnamen erhielt die neugierige Öffentlichkeit zunächst kein weiteres Futter. Es gab keine Fotos der Musiker oder Details zu deren Biografie oder zum musikalischen Background. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen entstand in der Musik-Community ein regelrechter Hype um die Newcomer. Heute, nachdem die Band mit The Bones of What You Believe ihr offizielles Erstlingswerk vorgelegt haben, erklären dies Sängerin Lauren Mayberry sowie deren Keyboarder Iain Cook und Martin Doherty schlichtweg damit, dass sie zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Lies so vertieft waren in den musikalischen Schaffensprozess, dass sie keine Zeit und vielleicht auch keinen Nerv hatten, Hochglanzbilder von sich schießen oder stylische Musikvideos drehen zu lassen. Die Botschaft zwischen den Zeilen lautet: „Wir hatten keinen Bock, uns um den Marketing-Mist zu kümmern und Fans zu betüddeln, weil wir ja schließlich mit einem höheren Werk beschäftigt waren: der Arbeit an unserer Platte“.

act-chvrchesOb dies tatsächlich so war oder ob das Prinzip der künstlichen Verknappung bewusst eingesetzt wurde, um erst einmal gehörig Appetit und Vorfreude bei den Fans auf das zu schüren, was da kommen mochte, wird vielleicht das Geheimnis der Band bleiben. Wirklich relevant ist dies nun ohnehin nicht mehr, denn das, was Chvrches mit The Bones of What You Believe vorgelegt hat, ist so amtlich, dass es gar keiner weiterer Marketingkniffe mehr bedarf. Die insgesamt zwölf Tracks auf dem Debütalbum der Schotten verkörpern für viele Fans bereits jetzt die Wiederbelebung des Elektro-Pops der 80er Jahre. Dies dachte sich wohl auch Depeche Mode und holte sich die drei Newcomer einfach mal als Support ins Vorprogramm. Stilistisch passt das auch ganz gut, denn ähnlich wie es bei den Synth-Rock-Urgesteinen der Fall ist, kann man auch die Musik von Chvrches als von Wolken verhangenen Düster-Pop bezeichnen, wenngleich die Wolken anders als bei Depeche Mode hier rosa statt grau und aus Zuckerwatte gefertigt scheinen. Wenn ich die Musik von Chvrches mit einem Wort charakterisieren müsste, dann wäre das für mich „süßlich“. Bereits der erste Track mit dem Titel The Mother We Share vermittelt einen guten Eindruck von dem, was den Hörer im weiteren Verlauf erwartet: ein musikalisches Naschwerk der Extraklasse, was wohl zum einen der sehr nach Retro klingenden Synthie-Instrumentalisierung geschuldet ist, weit mehr jedoch dem Gesang von Frontfrau Lauren Mayberry.

Diese charakterisiert den Stil von Chvrches so: „Der ganze Schlüssel ist der Kontrast von Sweetness und Bitterkeit“. Besser könnte ich es selbst nicht ausdrücken, denn während Songs wie Gun, Lies oder auch Lungs gesanglich immer ganz zart und zerbrechlich daherkommen, stellen die oftmals kantigen und komplizierten Synthesizer-Gespinste einen klaren Kontrast dazu dar. Selbst bei der Nummer You Caught The Light, die fast rein instrumental angelegt sind und von der Grundstimmung her geradezu elegisch wirkt, sind die Basis-Akkorde verzerrt und schrammig. Als düsteres Werk würde ich aber The Bones of What You Believe dennoch nicht bezeichnen, denn Highlights wie The Mother We Share oder auch das Single-Debüt Lies sind kraftvoll und stark und keinesfalls im Jammertal beheimatet. Alles in allem ist das Debütalbum von Chvrches ein innovatives Elektro-Pop-Kunstwerk, das viele schöne und besondere Momente beinhaltet. Es ist verspielt und gefühlvoll, bittersüß und auch mal unbequem. Ob diese Mischung aber wirklich den Geschmack der breiten Masse trifft, wird man wohl bald an den Chartplatzierungen ablesen können.



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Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Markus Birner ist der Meinung...
Nach monatelangem Hype um die geheimnisumwitterte Synthie-Pop-Band Chvrches, wagte diese im September 2013 mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums The Bones of What You Believe den finalen Schritt ins globale Rampenlicht. Nachdem die erste Single Lies bereits letztes Jahr von Fans des innovativen Elektro-Pops frenetisch bejubelt wurde, präsentiert das Trio aus Glasgow mit dem ersten Longplayer nun ein umfangreiches, kreatives und hochspannendes Kunstwerk elektronischer Musik, das allerdings auch Ecken und Kanten besitzt. Möglicherweise wird der Sound von Chvrches daher ein kleines Stück am Mainstream-Geschmack vorbeischlittern, was aber sicherlich kein Beinbruch ist, denn für wahre Genre-Fans ist das Trio bereits jetzt einer der Top-Newcomer des Jahres 2013.