Goodbye, Kaminski

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Kino:
Ich und Kaminski (2015)

Bewertung: 5 von 6
Studio: X-Verleih
facebook.com/IchUndKaminskiDerFilm

Der eine oder andere dürfte es bemerkt haben: ich besitze kein allzu großes Faible für den deutschen Film. Viel zu oft kommt er in einer langweiligen, grauen Tatort Ästhetik daher. Er will mir erzählen, wie schlecht die Welt sei, indem er mir Klischees von bösen Menschen präsentiert und zeigt mit dem erhobenen Finger eines Oberlehrers auf die Schrecken der deutschen Geschichte, um an mein Gewissen zu appellieren. Noch schlimmer wird es, wenn er versucht, Blockbusterkonzepte aus dem Ausland zu kopieren und sich damit der Lächerlichkeit vollkommen Preis gibt. Ja, es existieren derzeit nur wenige deutsche Filme, die ich mir wirklich gerne ansehe. Seit ein paar Tagen wurde dieser erlesene Kreis um den Titel Ich und Kaminski erweitert. Wolfgang Becker zeigt 12 Jahre nach seinem Erfolg mit Goodbye, Lenin, dass er immer noch ein Händchen für dramatische Inhalte im komödiantischen Gewand besitzt. Damit ist er tatsächlich einer der wenigen in Deutschland. Mit an Bord ist Daniel Brühl, der seine internationale Karriere für diesen Film ruhen lässt, um für seinen alten Förderer vor der Kamera zu agieren.


Zusammen inszenieren sie einen Film nach Daniel Kehlmann's gleichnamigem Roman, der beschwingt, farbenfroh und mit viel Gefühl daher kommt. Kurz gesagt: vollkommen undeutsch. Becker beginnt seinen Film im dokumentarischen Stil. Bunt und einfallsreich gibt er der Kunstfigur Kaminski eine schillernde Vergangenheit. Von seinen Anfängen als Schützling von Picasso und Matisse, über seinen Aufstieg in der Warhole-Area bis zu seiner Vermarktung als der „Blinde Maler“, mit der er weltberühmt wurde. In nur 10 Minuten hat man das Gefühl, Kaminski wäre ein Teil der Kunstszene der klassischen Moderne, geradezu ein Mythos. Damit ist der wichtigste Grundstein gelegt. Der Zuschauer wittert gleich Partys, Frauen und Intrigen im Kunstbetrieb. Eben ein Leben, über das sich ein Buch zu schreiben lohnt. Das glaubt auch Sebastian Zöllner (Daniel Brühl). Er will jene Biographie schreiben. Weniger um Kaminski's Werk zu ehren, sondern um sein eigenes zu starten. In unverhohlener Selbstüberschätzung hat er bereits sieben Kapitel des Buches fertig, ohne auch nur ein Wort mit dessen Hauptfigur zu wechseln. Deshalb ist er jetzt auf dem Weg in die Schweiz, wohin sich Kaminski (Jesper Christensen) zurückzog. Dabei geht er alte Aufzeichnungen durch, die im Stile eines Citizen Kane den Künstler aus verschiedenen Blickwinkeln beschreiben.

movie-ichundkaminskiNoch bevor sich Kaminski das erste Mal zeigt, wird sein Mythos durch Kommentare von Weggefährten, Förderern und Neidern weiter ausgebaut. Das funktioniert nicht nur dank der lockeren Art der Inszenierung, sondern auch wegen Brühl's ausgezeichneter Darstellung. Sein Zöllner ist ein so herrlich arroganter, selbstverliebter Möchtegern-Literat, der lieber in seiner eigenen, geradezu größenwahnsinnigen Welt lebt als in der Realität, dass ich ihn sofort ins Herz schloss. Ein wunderbarer Kontrast dazu ist eben jene Realität der Schweizer Berge. Zöllner lässt keine Gelegenheit aus, sich mit den Einheimischen anzulegen, die ihm seine Arroganz dann auch durch Entzug jeglicher Hilfe heimzahlen. Als Zöllner endlich bei Kaminski angekommen ist, muss er sich gegen dessen Tochter Miriam (Amira Casar) und einen Kreis aus abgehalfterten Möchtegern-Künstlern behaupten. Schon hier zeigt sich, dass Zöllner's unangenehme Persönlichkeit nicht einfach nur komödiantisches Mittel ist, sondern den satirischen Charakter des Films untermalt. Denn ausgerechnet die ekelhaftesten Züge an Sebastian Zöllner bringen ihn in dieser Szene weiter. Seine arrogante Selbstverliebtheit gibt ihm das nötige, aufgeblasene Ego, um mit seinesgleichen klarzukommen. Kaminski ist da keine Ausnahme. Jesper Christensen spielt den alternden Künstler sogar noch eine Nasenlänge besser, als Daniel Brühl seinen Zöllner.

Jede Bewegung vermittelt dem Zuschauer das hohe Alter und die Gebrechlichkeit, aber sobald er seinen Mund aufmacht, gibt es oft einen Wirbelsturm aus beleidigenden Zurechtweisungen. Gleichzeitig kommt immer wieder ein geschundener Mann zum Vorschein, der seine Fehler seit einer halben Ewigkeit mit sich herum schleppt. Um genau diesen Aspekt besser zur Geltung zu bringen, wechselt Wolfgang Becker die Richtung seines Films. Kaminski will, dass Zöllner ihn an die Küste Belgiens fährt, um seine alte Liebe Therese aufzusuchen. Auf einmal wird aus Ich und Kaminski ein Roadmovie. Wo dieser Trip endet, kann man sich schnell selbst zusammenreimen. Zöllner wird durch die Reise und den Kontakt mit dem störrischen, aber weisen Alten zum Positiven verändert, indem er sein bisheriges Handeln in Frage stellt. Der alte Mann lebt noch ein letztes Mal auf, um diverse Konflikte aufzuarbeiten. Zugegebenermaßen sinkt ab dieser Stelle meine Freude über den Film etwas. Es gibt immer noch sehr schöne Bilder und einige beißende Seitenhiebe auf die Kunstszene, doch wird die Handlung ab hier etwas zu vorhersehbar. Zum Glück bleibt die Darstellung auf hohem Niveau. Die Dialoge zwischen Kaminski und Zöllner geben nicht nur einen spannenden Einblick in die Beziehung der beiden zueinander, sondern schärfen auch die Figuren selbst. Dabei gleitet das Werk aber nie in das Weltschmerz-Szenario anderer deutscher Filme ab, sondern bleibt bis zum Schluss ein witziges Kinoerlebnis mit einem Schuss Kritik an der aufgeblasenen Kunstszene und zwei vielschichtigen Hauptcharakteren.



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Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Sven Sauerhammer ist der Meinung...
Einigen mag es nicht so ganz schmecken, dass Regisseur Wolfgang Becker in Ich und Kaminski auf den Gutmenschen vollkommen verzichtet. Hier ist kein junger Idealist, der sich gegen die Schrecken der Geschichte behaupten muss. Kein harter, aber doch gutherziger Held rettet Deutschland. Es gibt auch keine tiefgreifend sozialkritische Agenda, die zeigen würde, wie naive Jugendliche in soziale Abgründe fallen. Stattdessen bekomme ich zwei arrogante Schnösel vorgesetzt, die kaum einen Bezug zur Realität haben. Schön, dass es das im deutschen Kino auch noch gibt. Die ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen, eine kreative Inszenierung und jede Menge entlarvende Dialoge machen den Film Ich und Kaminski zur kurzweiligen Unterhaltung, die ich jedem ans Herz legen kann, der vom deutschen Kino mehr erwartet, als graue Trauerspiele oder drittklassige Kopien.