Im Spiegelbild verloren...

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Review | Kritik | Bewertung
Blind Guardian - Beyond The Red Mirror (2015)

Bewertung: 4 von 6
Label: Nuclear Blast
www.blind-guardian.com

Endlose fünf Jahre sind seit der letzten richtigen Veröffentlichung der deutschen Metal Band Blind Guardian vergangen. Zwischendurch haben uns die Krefelder zwar mit der Best of Kompilation Memories of A Time To Come (2012) versorgt, welches mit zahlreichen neu aufgenommenen Bandklassikern aufwarten konnte. Richtig neues Material gibt es jedoch erst mit dem Release von Beyond The Red Mirror. Inhaltlich schließt das neue Album an das 1995 erschienene Meisterwerk Imaginations From The Other Side an, musikalisch gehen Blind Guardian aber den bereits auf dem Vorgängeralbum At The Edge of Time (2010) eingeschlagenen Weg weiterhin unbeirrt fort. Das heißt konkret, die darauf enthaltenen Songs sind noch einmal deutlich progressiver und dadurch auch unglaublich schwer zugänglich geworden.


Trotz mehrerer Hördurchläufe erschließen sich mir nur wenige der insgesamt zehn Songs. Bestes Beispiel hierfür ist gleich das neuneinhalb minütige Einstiegsepos The Ninth Wave. Ein bombastisches orchestrales Intro begleitet von Mönchschor ähnlichem Gesang prägt die ersten neunzig Sekunden, ehe Gitarren mit der charakteristischen Stimme von Hansi Kürsch einsetzen und den Chor dadurch mehr und mehr in den Hintergrund drängen. Sicherlich ein kompositorisches Meisterwerk, jedoch plätschert das Stück dann doch etwas zu sehr dahin. Packende Elemente fehlen und so kann der Track leider sein durchaus vorhandenes Potenzial nicht gänzlich entwickeln. Das folgende Twilight of The Gods wurde bereits vorab veröffentlicht und ist am ehesten ein Song, der einem kommerziellen Muster folgt. Meiner Ansicht nach fehlt es dem Stück trotzdem deutlich an Klasse.

act-blindguardianGanz anders bei Prophecies, das sich während der Strophen wunderbar entwickelt und im Refrain seinen ganzen Zauber freilegt. Nach zwei eher eingängigen Songs schrauben die Krefelder beim Stück At The Edge of Time den Schwierigkeitsgrad wieder deutlich nach oben, was in einem bombastischen Chorus mündet. Zweifelsohne ein Hörerlebnis, jedoch bleibt auch hier insgesamt zu wenig hängen. Bei Ashes of Eternity, meinem persönlichen Favoriten auf Beyond The Red Mirror, geben die Jungs endlich etwas Gas. So entwickelt sich eine typische Blind Guardian Nummer, die am ehesten an vergangene Tage erinnert. The Holy Grail stellt die härteste Nummer der neuen CD dar, kann aber wenig überzeugen. The Throne ist mit knapp acht Minuten deutlich zu lange geworden und lässt mich in einer mittlerweile kaum mehr zu übersehenden Überforderung zurück, ehe Sacred Mind durch seine vielen Tempowechsel durchaus zu überzeugen weiß.

Das anschließende Miracle Machine ist mit drei Minuten das mit Abstand kürzeste Stück auf Beyond The Red Mirror. Die Ballade ist im Grunde genommen aber nur ein Wegbereiter für das abschließende, erneut bombastische Epos Grand Parade. Einzelne, überragende Songpassagen werden durch eine Vielzahl an progressiven Elementen überdeckt und verwässern das Hörerlebnis deutlich. Am Ende bleibe ich unsicher zurück. Zwar bin ich mir der musikalischen Fähigkeiten jedes einzelnen Bandmitgliedes von Bind Guardian durchaus bewusst, dennoch macht sich Enttäuschung bei mir breit. Zu progressiv, keine Hymnen im Stile von Bard’s Song, Mirror Mirror oder Time Stands Still (At The Iron Hill), eigentlich nicht einmal ein Song, der wirkliches Live-Potenzial hätte. Man darf daher gespannt sein, wie Blind Guardian bei der anstehenden Tour das neue Album Beyond The Red Mirror sinnvoll einbringen wollen. Ich persönlich warte dann aber lieber auf die Klassiker.



redakteur-johann

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Johann Höng ist der Meinung...
Seit der Veröffentlichung von Nightfall in Middle-Earth im Jahre 1998 zähle ich Blind Guardian zu meinen Lieblingsbands. Diese Vertonung des Tolkien Werks Das Simarillion und die beiden Vorgängeralben Imaginations From The Other Side (1995) und Somewhere Far Beyond (1992) sind für mich bisher unerreichte Meisterwerke. Die danach eingeschlagene Richtung führte Blind Guardian immer mehr Richtung komplexer, progressiver Musik, die jenseits aller Metal Genres anzusiedeln ist. Bisheriger Höhepunkt war diesbezüglich das bombastische Wheel of Time (auf At The Edge of Time). Bei mir hat sich beim Konsum des neuesten Releases der Krefelder Perfektionisten der Eindruck verfestigt, dass sie es dieses Mal etwas zu weit getrieben haben. Bei allem Bombast haben die Mannen um Hansi Kürsch vergessen, die eine oder andere Hymne darzubieten. Diese hätten geholfen, dem teilweise überforderten Hörer eine kurze Verschnaufpause zu gönnen. So ist Beyond The Red Mirror zwar ein interessantes Album geworden, dem es aber trotz aller Perfektion an Nachhaltigkeit fehlt.

Preisvergleich: Blind Guardian - Beyond The Red Mirror