Das abwechslungsreiche Leben eines Hexers.

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Review | Kritik | Bewertung
The Witcher 3: Wild Hunt (2015)

Bewertung: 5,5 von 6
Hersteller: Bandai Namco Games
www.thewitcher.com

Das neue Glanzstück der polnischen Entwicklerschmiede CD Projekt RED dürfte zweifelsohne zu den heiß erwarteten Blockbuster-Titeln der Spielebranche in der ersten Jahreshälfte 2015 zählen. Auch innerhalb unserer Redaktion war das Interesse sofort geweckt, als im Netz anfängliche Gerüchte irgendwann zur konkreten Ankündigung einer Fortsetzung des viel gelobten Franchise wurden. Die Spannung stieg kontinuierlich an und nach einem ausgiebigen Test in den letzten Tagen kann man mit dem Ergebnis durchaus zufrieden sein. The Witcher 3: Wild Hunt hält vieles, was sich Genre-Fans von einem gelungenen Action-Rollenspiel versprechen. Im Gegensatz zu manch anderen schlüpfte ich das erste Mal in die Rolle des Meisterhexers Geralt von Riva. Es wäre nämlich durchaus möglich, die Spielereignisse und getroffenen Entscheidungen aus dem zweiten Teil der Serie (The Witcher 2: Assassins of Kings) zu importieren. Geralt folgt seinem Herzen oder besser gesagt einen Brief der früheren Geliebten Yennefer von Vengerberg in Richtung Weißgarten.


In einem kleinen Dörflein begegnet er nicht nur menschlichen Informationsquellen zu ihrem Verbleib, sondern auch dem momentan vorherrschenden Kriegsszenario – wobei es die Bevölkerung hier vergleichsweise noch nicht so hart getroffen hat, wie in anderen Landstrichen. Der Kaiser von Nilfgaard strebt nach uneingeschränkter Macht und seine Schwarze Armee hinterlässt im Kampf gegen die nördlichen Königreiche zwar auch Ordnung und Sicherheit in manchen besetzten Gebieten, allerdings vorwiegend Tod und Elend auf ehemaligen Schlachtfeldern. Was die Soldaten nicht zerstören, plündern verstreute Deserteure und blutrünstige Banditenbanden. Im allgemeinen Chaos gehen deshalb übernatürliche Wesen und diverse Monstergattungen beinahe etwas unter, mit deren Jagd ein Hexer üblicherweise betraut wird. Sie wandeln weiterhin unter uns und sind teilweise extrem gefährlich! Ein Symbol oberhalb der Lebensleiste sämtlicher Gegner soll dabei warnen, wenn sich Geralt (insbesondere mit niedrigem Level) todesmutig in sein sicheres Verderben stürzt. Für den Angriff verfügt man über zwei Primärwaffen, dazu eine Armbrust für den Fernkampf.

game-thewitcher33Geralt von Riva trägt gleich zwei Schwerter auf dem Rücken, die sich für verschiedene Zwecke modifizieren lassen. Unterwegs gefundene Schriftstücke oder ein erstes Aufeinandertreffen klären zu Schwachstellen von Bestien, Geistern, Hybriden, Konstrukten, Necrophagen oder sonstigen verfluchten Wesen auf. So hilft es beispielsweise, die Klinge seines Schwertes in Geisteröl zu tränken, wenn sich in verlassenen Ruinen schaurige Erscheinungen herumtreiben. Mit den richtigen Zutaten wird die Alchemie zu einem wertvollen Bestandteil von The Witcher 3: Wild Hunt, vorausgesetzt man erweitert permanent sein Repertoire an Rezepten. Statt die Zutaten für teures Geld von Kräuterkundlern zu kaufen, sollte man einfach seine Umgebung intensiv nach allen möglichen verwertbaren Items absuchen. Versteckte sowie bewachte Schätze findet Geralt immer wieder. Vielleicht ein wichtiger Tipp an dieser Stelle: sucht unbedingt jedes einzelne Fragezeichen auf der Landkarte ab und sichert Euch auf diese Weise einen enormen Spielvorteil. Man könnte sich freilich damit begnügen, die Hauptquests zu absolvieren, nur wo bliebe dann der Spaß an einer open world? Die Welt von The Witcher 3: Wild Hunt bietet deutlich mehr, als die Hintergrundgeschichte (welche auf der Romanreihe Der Hexer des polnischen Schriftstellers Andrzei Sapkowski basiert) zunächst vermuten lässt.

Spätestens jetzt weiß ich, warum wir Männer gerne als "Jäger und Sammler" bezeichnet werden. Selten empfand ich den Item-Erwerb und dessen Verwendungszweck spannender, als in diesen Tagen. Die meisten Schätze werden natürlich streng bewacht. Speziell in Velen stößt man als Spieler immer wieder auf feindlich gesinnte Banditenlager. Für besonders wertvolle Gegenstände wagt sich Geralt mit einer lichtspenden Fackel in düstere Höhlensysteme. Grundsätzlich ist es ratsam, den Zustand seiner Rüstung stets im Blick zu haben, auch Waffen nutzen sich mit der Zeit ab und büßen an Effektivität ein. Werkbänke, Schleiftsteine und Reparatursets für unterwegs schaffen Abhilfe, sollte der nächste Schmied noch weit entfernt sein. Dieser fertigt unserem heldenhaften Hexer gegen Gebühr und nach immer neuen Schemen robustere Kleidungsstücke sowie stärkere Waffen (wenn man auf einen Schwertmeister trifft) an. Was habe ich nicht hingefiebert auf mein erstes vollständiges "Greifen-Outfit" (Oberkörper, Handschuhe, Hose und Stiefel), das Geralt von Riva leider nicht vor Level 8 als Hexenmeister tragen darf. Es wird noch bessere Rüstungen und Waffen im weiteren Spielverlauf geben, soviel steht fest. Mit dem passenden Kräutergemisch und einigen Bomben im Gepäck kann man sich zum Aufenthaltsort wilder Bestien gegeben, ohne befürchten zu müssen, auf verlorenem Posten zu stehen.

game-thewitcher3Wer die mentale Beschaffenheit des Hexers kontinuierlich steigern möchte, hält Ausschau nach sogenannten "Orten der Macht", sichert sich zusätzliche Fähigkeitspunkte und einen zeitweisen Zeichenbonus. Verbesserungen, Wirkstoffe und sonstige Boni sind allgemein zeitlich begrenzt, womit wir bei den Vor- und Nachteilen der Meditation angekommen wären. Jene von uns festgelegten Ruhepausen füllen zwar die Lebensenergie mitsamt alchemischer Produkte (Tränke, Öle, Bomben) wieder auf, es verstreicht aber eben auch Zeit. Der individuell anpassbare Skill-Baum ist auf neun Plätze begrenzt und Fähigkeiten sollte man sinnvollerweise gruppieren plus mit dem passenden Mutagen in der Wirkung noch verstärken. Das klingt nicht nur umfangreich, die Spieltiefe von The Witcher 3: Wild Hunt ist einfach fantastisch. Es fällt schwer, im Zuge eines Testberichts alles zu erwähnen, was das Action-Rollenspiel zu einem unvergesslichen Abenteuer macht. Nach rund 20 Stunden Spielspaß steht man eigentlich noch relativ am Anfang einer atmosphärisch erstklassig inszenierten Story mit zahlreichen Nebenschauplätzen, Aufgaben und schicksalsträchtigen Begegnungen.

Ferner bin ich gespannt, wie sich der magische Part auf alles noch Kommende auswirkt... Meine Fähigkeitspunkte stecken bisher im Schwertkampf und einem wirkungsvollen Feuerstoß (Igni), bei dem man aber aufpassen muss, wenn explosive Pulverfässer in der Nähe stehen. Erlittener Schaden lässt sich mit Nahrungsmitteln regenerieren. Weil diese jedoch in der Regel teuer sind, kauft man sie lieber nicht von Gastwirten oder Händlern, sondern geht zwischendurch selbst auf die Jagd nach wilden Tieren. Skrupellose Meisterhexer schlachten das Nutzvieh der Dorfbevölkerung ab und stecken sich das rohe Fleisch zum späteren Verzehr in die Taschen. (Fast) alles scheint erlaubt und unterliegt gewissen Charakterzügen. Zu Beginn ramscht man jeden noch so wertlosen Plunder zusammen und kümmert sich kaum um die Sorgen der Menschen. Irgendwann fängt man aber an nachzudenken... Geralt rettet exemplarisch eine Gruppe verwaister Kinder vor einem bissigen Wolfsrudel und sieht sich anschließend in ihrer heruntergekommenen Hütte nach verkaufbaren Gegenständen um. Ein Kind merkt beim Abschied weinerlich an: "Meine Puppe ist verschwunden!" Fortan fühlte ich mich schlecht, noch dazu weil das geklaute Spielzeug kaum etwas wert war beim Händler. Ein interessanter Aspekt, schließlich verlangen Hexer standesgemäß eine Bezahlung für ihre Hilfsdienste.

game-thewitcher32Eine solche kann man in The Witcher 3: Wild Hunt ebenso ablehnen, aber wer macht das schon? Eine gesunde Balance aus Geben und Nehmen zahlt sich aus, wie ich finde. Auch Dialoge müssen oder sollten trotz (gefühlter) eigener Überlegenheit keineswegs so geführt werden, dass es zwangsläufig zur Konfrontation kommt. Wer in das Zeichen Axii investiert, bekommt sogar zusätzliche Antwortmöglichkeiten in Dialogen und kann seinem Gesprächspartner einen fremden Willen aufzwingen. Eine telekinetische Druckwelle (Aard), Quen als Schutzschild und magische Fallen (Yirden) komplettieren die leichten Zauberkünste neben bereits erwähnten Zeichen Igni und Axii. Geralt von Riva ist erfreut über ein Wiedersehen mit Yennefer, die anscheinend im Dienst des Kaisers arbeitet. Von ihr erfährt der Meisterhexer einige beunruhigende Details über die Notsituation seines weiblichen Lehrlings Cirilla Fiona Elen Riannon (kurz: Ciri). Diese ist mittlerweile erwachsen und wird von mysteriösen, apokalyptischen Reitern (auch bekannt als "Die wilde Jagd") hartnäckig verfolgt. Er muss Ciri unbedingt vor der üblen Geisterhorde beschützen und sucht fortan nach weiteren Hinweisen in Velen. Dort begegnet Geralt altbekannten Gesichtern wie etwa dem bulligen Letho von Guleta, aber auch neuen Weggefährtinnen für den Augenblick, wenn er mit der attraktiven Zauberin Keira Metz in finsteren Dungeons verdächtigen Spuren folgt und später als Belohnung einen märchenhaften Abend zu Zweit verbringen darf. Die mitwirkenden Charaktere sind vielfältig und keinesfalls immer sofort durchschaubar, was den Reiz an The Witcher 3: Wild Hunt noch erhöht. Die Reise wird lang... und gewiss anstrengend.



redakteur-alex

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Alexander Riede ist der Meinung...
Wer sich die nötige Zeit für das Action-Rollenspiel aus dem Hause CD Projekt RED nehmen kann, bekommt ein umfangreiches Spielerlebnis geboten. Alleine das Spiel im Spiel (eine Partie Gwint) wirkt derart komplex, dass man sich als Einsteiger leicht überfordert fühlt. Mit voranschreitender Spielzeit sollte man aber genügend Erfahrungen gesammelt haben, um The Witcher 3: Wild Hunt zu meistern. Man merkt dieser Kritik wahrscheinlich exakt das an, was den Titel garantiert nicht langweilig werden lässt und ein enormes Suchtpotenzial verursacht: es erschließen sich dem Spieler immer neue Zusammenhänge. Ohne unser treues Pferd Plötze würde Geralt von Riva vermutlich an seine konditionellen Grenzen stoßen.

Preisvergleich: The Witcher 3: Wild Hunt