Geschichten aus Pandora.

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Review | Kritik | Bewertung
Tales From The Borderlands (2014)

Bewertung: 5 von 6
Hersteller: Telltale Games
telltalegames.com/talesfromtheborderlands

Die fleißigen Damen und Herren von Telltale Games liefern derzeit einen weiteren Grund dafür, dass der regelmäßige Blick auf den Terminkalender zu einer Geduldsprobe wird. Neben Game of Thrones versucht man in etwa zeitgleich mit Tales From The Borderlands die Herzen der Spielergemeinde höher schlagen zu lassen. Mit Erfolg, denn im Netz häufen sich die Suchanfragen und Foreneinträge, wann wir mit der zweiten Episode rechnen dürfen. In der letzten Januar-Woche soll es soweit sein, wenn es keine Verzögerung gibt. Warum diese Information für viele unglaublich wichtig erscheint, zeigt unser Test. Von mittelalterlichen Fantasy-Welten wechseln wir zu (vermutlich) postapokalyptischer Science-Fiction. Mad Max trifft auf Star Wars sozusagen. Wer wie ich den Planeten Pandora in Tales From The Borderlands das erste Mal besucht, wird von dessen Atmosphäre fasziniert sein. Menschenleere Wüstenlandschaften, ungemütliche Ballungszentren, entstanden aus Schrott und Ruinen. Banditen, wilde Kreaturen, gleichermaßen unbarmherzige Monster.


Die verbliebene Bevölkerung macht das Beste aus ihrer Situation und fürchtet einen weiteren radikalen Vernichtungsschlag oder weitere Unannehmlichkeiten durch die Hyperion Corporation, eine militärisch strukturierte Organisation, die sämtliche Geschehnisse von der Weltraumstation Helios aus überwacht und kontrolliert. Als Spieler schlüpft man zunächst in die Rolle des Angestellten Rhys, der mit dem Gedanken an eine Beförderung hoffnungsvoll in das Büro seines Vorgesetzten marschiert. Doch statt Mr. Henderson begrüßt ihn ein ganz anderer vom Chefsessel: Hugo Vasquez. Kein gewöhnlicher Anzugträger, dieser geht wirklich über Leichen, wenn es darum geht, die eigene Machtposition zu stärken. Das Gespräch läuft gar nicht gut und Vasquez ernennt Rhys zum „Assistant…Vice…Janitor“, degradiert ihn demnach zum Hausmeister. Indirekt von der Schmähung betroffen sind auch unsere Arbeitskollegen und Rhys‘ beste Freunde: Vaughn, der sich üblicherweise um Geldangelegenheiten kümmert sowie Yvette, die besondere Anforderungen während laufender Missionen koordinieren kann. Gemeinsam schmieden sie Pläne, um dem ungeliebten neuen Boss die Karriere zu ruinieren.

game-talesfromtheborderlandsAus sicherer Quelle weiß Rhys, dass dieser sich für die stolze Summe von 10 Mio. Dollar auf dem Schwarzmarkt einen sogenannten „Vault Key“ besorgen möchte; der Schlüssel zu etwas womöglich viel Wertvollerem. Auf Pandora wimmelt es seit Jahren nur so an Schatzjägern, die sich regelmäßig gegenseitig ins Jenseits befördern, wie mir scheint. Wir stehlen kurzerhand das Geld, außerdem Vasquez‘ Luxusschlitten und begeben uns auf direktem Weg nach Hollow Point auf Pandora, um noch vor dem Boss mit unserem Kontaktmann August den Deal abzuwickeln. Kaum angekommen, sind bereits die ersten Banditen scharf auf den Geldkoffer, den Vaughn an sein Handgelenk gekettet trägt und versuchen, uns auszurauben. Yvette sendet zur Unterstützung zwar einen Kampfroboter, die allgemeine Lage wird dadurch jedoch kaum entschärft. Inmitten der folgenden Action bin ich ganz schön froh, dass die Nutzung meines Microsoft Controllers für Tales From The Borderlands annähernd reibungslos funktioniert. Rhys verfügt neben dem Talent für skurrile Situationen über einen mechanischen rechten Arm (inkl. Kommunikations-Interface) und ein „Echo Eye“, mit dem er seine Umwelt für (mehr oder weniger) nützliche Informationen scannen kann.

Weil ein Held alleine selten ausreicht, um Großes zu bewegen, bekommen er und sein Kumpel Vaughn unfreiwillige Unterstützung von der auf Pandora geborenen Gaunerin Fiona und ihrer Schwester Sasha, die beide für den väterlichen Mentor Felix krumme Dinger drehen. Der Vault Key für den Deal ist eine Fälschung – ihre Fälschung, mit der sie auch August reinlegen, um an das Geld zu gelangen. Der Schwindel fliegt letztlich auf und Bossanova, der Anführer der Banditen, schnappt sich den mehr als wertvollen Geldkoffer, ohne den Inhalt zu kennen. Um die 10 Mio. Dollar wieder zu erlangen, bildet man eine von Misstrauen geprägte Zweckgemeinschaft. Ein Sender am Koffer führt die Gruppe direkt in das brandgefährliche Banditennest, eine riesige Kampfarena, in der auch halsbrecherische Rennen gefahren werden. Dem Sieger winkt jener Koffer, der von Hyperion mit einer Sprengladung gesichert nicht so ohne weiteres geöffnet werden kann. Wenn die Banditen wüssten, dass sie einen Haufen Geld in den Händen halten… Eine Summe, für die manche ihre (familiäre) Loyalität glatt aufs Spiel setzen, wie Fiona zu ihrer persönlichen Enttäuschung feststellen muss. Ich möchte aber nicht mehr verraten.

game-talesfromtheborderlands2Die erste Episode der Tales From The Borderlands macht in jedem Fall neugierig auf weitere Geschichten. Moralische Bedenken muss man als Spieler wegen getroffener Entscheidungen weniger haben als bei anderen Titeln aus dem Hause Telltale Games. Soll sich der im Kampf gefallene Loader Bot selbst zerstören, um die verbliebenen Banditen mit in den Tod zu reißen? Nehme ich einem schwer verletzten Fremden das letzte Geld weg, weil ich damit kurz darauf einen Türsteher bestechen möchte? Die vermeintlich schwere Wahl zwischen zwei Seiten trägt geringere Konsequenzen als beispielsweise in Game of Thrones. Eine zurückblickende Erzählperspektive aus der Sicht der sich nicht immer ganz einigen Protagonisten Ryhs und Fiona erlaubt stellenweise Korrekturen mit einem gewissen Augenzwinkern. Der Humor kommt bei Tales From The Borderlands allgemein nicht zu kurz, was die trostlose Atmosphäre des Planeten Pandora angenehm auflockert. Die Entwickler sind mit erstaunlich viel Liebe für die kleinsten Details ans Werk gegangen und das steht dem ausgefallenen Adventure-Game hervorragend zu Gesicht. In Summe also verrückte Charaktere mit weniger Tiefgang (was sich in den folgenden Episoden noch ändern kann, Anm. der Red.), witzige Dialoge, Steampunk Optik und satte Actionsequenzen. Beste Voraussetzungen für ein Kaufargument.



redakteur-alex

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Alexander Riede ist der Meinung...
Wer sich bereits im Shooter-Genre in der bunt geratenen Welt von Pandora so richtig ausgetobt haben sollte, wird womöglich angenehm überrascht sein, wie viel des ursprünglichen Charme in den Point & Click Adventure Sektor übertragen werden konnte. Freilich benötigt man für eine solche Meisterleistung auch ein fähiges Entwicklerteam. Telltale Games löst diese Aufgabe mit Bravour. Doch auch ohne direkte Berührungspunkte mit den beiden bisher veröffentlichten Borderlands-Teilen oder dem aktuellen Pre-Sequel findet man als Spieler schnell Gefallen an Tales From The Borderlands. Es sind keine Vorkenntnisse notwendig. Einziger Wermutstropfen bleibt erneut die fehlende Lokalisierung in andere Sprachen. Den kompletten Season Pass mit insgesamt fünf Episoden gibt es via Steam für 23 Euro. Ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis für gute 10-12 Stunden entspannte Unterhaltung lässt sich derzeit kaum finden, selbst wenn sie mit lästiger Wartezeit verbunden ist.

Preisvergleich: Tales From The Borderlands