Momente für die Ewigkeit.

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Review | Kritik | Bewertung
Life Is Strange (2015)

Bewertung: 5 von 6
Hersteller: Square Enix
www.lifeisstrange.com

Mein „Adventure-Herz“ schlägt in diesen Tagen Purzelbäume. Wie der Großteil unserer Leser mitbekommen haben dürfte, sind derzeit einige wirklich interessante Titel im Episodenformat auf dem Markt, bei denen das Geschehen maßgeblich durch unsere Entscheidungen beeinflusst werden soll. Über zwei aktuelle Produkte aus dem Hause Telltale Games habe ich bereits berichtet, mit Life Is Strange wollen nun die Entwickler von Dontnod eine ähnliche Duftmarke setzen. Das Spielprinzip scheint im ersten Moment recht ähnlich, weshalb in den Medien sofort der Vergleich gezogen wird, jedoch unterscheiden sich die Games bei näherer Betrachtung enorm. In erster Linie liegt das daran, dass die gemachten Entscheidungen bei Life Is Strange durch einen raffinierten Kniff der Verantwortlichen unmittelbar danach wieder revidiert werden können. Aber alles der Reihe nach…


Vor 5 Jahren ist die heute 18-jährige Maxine „Max“ Caulfield mit ihren Eltern nach Portland verzogen und kehrt jetzt alleine in ihre alte Heimat Arcadia Bay im US-Bundesstaat Oregon zurück, um an der renommierten Blackwood Academy Fotographie zu studieren. Ihr Klassenlehrer Mark Jefferson bescheinigt der schüchternen jungen Dame großes Talent, das sie lediglich besser nutzen muss. Im Unterricht fällt Max negativ auf. Eine schreckliche Vision bringt sie aus dem Konzept, wodurch sich eine dem Spieler von Anfang an unsymphatische Persönlichkeit wie Victoria Chase profilieren kann. Kein guter Start in einen Tag voller Überraschungen. Unsere Protagonistin gönnt sich eine kurze Auszeit auf der Toilette und ist fasziniert von einem Schmetterling, der in eine der hinteren Ecken des Raumes fliegt. Max zückt ihre Sofortbildkamera und verewigt den Moment gerade als Schnappschuss, da stürmt ein Selbstgespräche führender Nathan Prescott herein, dicht gefolgt von einer unbekannten weiblichen Person mit blauen Haaren. Die beiden streiten sich, er wird erpresst. Die stille Anwesenheit von Max bemerkt keiner. Nathan holt eine Pistole hervor und erschießt das Mädchen.

game-lifeisstrangeDer Schreck währt nur kurz, denn Maxine Caulfield erwacht erneut aus einem Albtraum. Sie sitzt wie zuvor im Klassenzimmer und wird stutzig, als sich die Dialoge eins zu eins wiederholen… Bevor Victoria also ihren gemeinen Kommentar in Max‘ Richtung loslässt, beantworten wir dieses Mal die Frage von Mr. Jefferson selbst, stehen gut da und müssen so schnell wie möglich zu den Toiletten, um einen Mord zu verhindern. Mit der linken Schultertaste des Controllers lassen sich einzelne Szenen bequem zurückspulen, bekannte Dialoge können bis zu einer zu treffenden Wahl oder notwendigen Aktion übersprungen werden. Eine grandiose Fähigkeit, die einem reichlich Spielraum für Experimente gibt. Max aktiviert den Feueralarm genau zur richtigen Zeit, schlägt Nathan damit in die Flucht und rettet das Leben der Unbekannten. Sämtliche Studenten müssen das Gebäude räumen. Auf dem Flur werden wir von Principal Ray Wells angesprochen, den wahren Hintergrund unseres merkwürdigen Verhaltens verschweigen wir ihm aber lieber, weil die Blackwood Academy von der Familie Prescott finanziell unterstützt wird.

Zu dieser Erkenntnis kommt Max, weil Wells sie keineswegs ernst nimmt, wenn sie von Nathan mit einer Pistole berichtet. Deshalb: Rewind und Situation anders lösen. Wenn man möchte, wohlgemerkt. Es wird keine Musterlösung geben, keinen klaren Walkthrough – das macht letztlich den besonderen Reiz an Life Is Strange aus. Max begibt sich auf das Campusgelände und kann zahlreiche Studenten zu mitwirkenden Figuren, deren Konstellationen untereinander sowie den auffälligen Flyern zu einer vermissten Kommilitonin namens Rachel Amber befragen. Die gesamte Blackwood Academy hängt voll damit, überall ist ihr hübsches Gesicht zu sehen. Sie war beliebt, für einige Künstler eine Inspirationsquelle, eine Muse. Mitglied des exklusiven „Vortex Club“, einer typisch amerikanischen Studentenverbindung mit Nathan Prescott als Vorsitzenden. Ein offensichtlich skrupelloser Schnösel aus reichem Elternhaus vom Typ Quarterback der Schulmannschaft. (Moralische) Grenzen scheint dieser nicht zu kennen und er wird uns noch enorme Probleme bereiten, selbst wenn er lediglich ahnen kann, was wir über ihn wissen.

game-lifeisstrange2Zwei junge Menschen verdienen ein priorisiertes Augenmerk: die niedergeschlagene Kate Marsh und eine intrigierende Victoria, die wie sich herausstellen soll, als einzige die vermisste Rachel nicht mochte. Die erste von fünf Episoden mit dem Titel „Chrysalis“ führte mittels Erinnerungsstücken die Charaktere von Life Is Strange geschickt ein, hinterlässt jedoch größtenteils Fragezeichen zu deren Motiven. Maxine wird beispielsweise ihre ehemals beste Freundin Chloe Price treffen, die sich seit ihrer gemeinsamen Zeit sehr veränderte. Deren Stiefvater ist ein seltsamer Typ, ein Veteran mit allerhand Paranoia, an der Blackwood Academy für die Sicherheit zuständig. Er wird uns nicht besonders wohlgesonnen sein, weil die über ihn gesammelten Erkenntnisse ein schräges Licht auf sein Wesen werfen und Max seine kleinen Machtspielchen stört. Wer die Zeit kontrolliert, steuert damit auch das Geschehen. Mit diesem überlegenen Gefühl wird es im weiteren Verlauf der Story nie wirklich hektisch. Ganz im Gegenteil: Life Is Strange bietet einige stille Momente, die es in vollen Zügen zu genießen gilt, man muss sich lediglich darauf einlassen.



redakteur-alex

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Alexander Riede ist der Meinung...
Ich bin schon sehr gespannt auf das Release der zweiten Episode „Out of Time“ (angekündigt für den März 2015, Anm. der Red.). In diesem sehr detailverliebten Adventure steckt eine Menge Potenzial. Bei der Auflistung meiner Entscheidungen am Ende von Episode Eins habe ich erst gemerkt, wie mir manche Ereignisse schlicht entgangen sind, weil ich nicht intensiv genug stöberte. Apropos nach Beweisen suchen: Das einzig komische an Life Is Strange ist die Tatsache, dass es meine Umwelt so gar nicht stört, wenn ich während ihrer Anwesenheit meine Nase in ganz private Angelegenheiten stecke. Laptops, Bücher, Aufbewahrungsmöbel… Maxine Caulfield ist in ihrer Neugierede kaum zu stoppen, aber irgendwie auch eine Hauptfigur, zu der man eine gewisse Sympathie aufbaut.

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