Rom ist gefallen, lang lebe Attila.

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Review | Kritik | Bewertung
Total War: Attila (2015)

Bewertung: 5 von 6
Hersteller: Sega
www.totalwar.com

Ist man böse, könnte man aus dem Erscheinen von Total War: Attila so etwas wie eine Allegorie zu dem historischen Setting machen, in welchem das Spiel angesiedelt ist. Das verkrustete Rom geht unter und eine neue Ära bricht an. Das frühe, düstere Mittelalter hält Einzug, repräsentiert durch seinen wohl am meisten gefürchteten Feldherren: Attila. Nach Rome II versucht auch Creative Assembly eine neue Ära einzuleiten und bedient sich eben jener Gestalt. Als Standalone Erweiterung kommt das Spiel mit gleicher Weltkarte, aber einigen echten Neuerungen sowie einem günstigeren Preis daher. Doch irgendwie bleibt Total War: Attila zwischen seinem leicht misslungenem Ursprung und dem großartigen Total War: Medieval 2 stecken. Trotzdem sollten Fans des Franchise dem neuen Titel eine faire Chance geben. Denn viel wurde verbessert und einiges sinnvoll hinzugefügt. Wie üblich werden die Schlachten in Echtzeit ausgetragen. Und dort, wo so viele virtuelle Leben enden, will ich beginnen...


An dieser Stelle erlaubte sich Rome II die größten Schwächen. Teils unerträgliche Bugs, die von Grafik bis KI alles in Mitleidenschaft gezogen haben, kontrollierten diesen Teil des Spiels. Herausfordernde Schlachten gegen den Computer waren so kaum möglich. Das wurde größtenteils behoben. Zwar finde ich immer noch den einen oder anderen Grafikfehler, aber von geschmolzenen Gesichtern, plötzlichen Gräben mitten im Grün und Schiffen, die auf Sand fahren wird man verschont. Auch die KI ist nicht mehr so unterirdisch: Der Gegner versucht Schwachstellen in meiner Formation auszunutzen, er hält seine Linien und verteidigt seine Bogenschützen. Gegenüber dem Hauptspiel eine echte Verbesserung, aber ein Fortschritt im Angesicht des gesamten Franchise ist es nicht. Immer noch verhält sich der Computer grenzwertig bei Belagerungen. Entweder er versucht mit all seinen Truppen gleichzeitig durchzubrechen, was ich mit einer Handvoll guter Infanterie leicht verhindern kann. Oder er verteidigt die eigenen Mauern nicht anständig, sondern lässt seine Einheiten in der Stadt herumwandern, wo ich sie Stück für Stück zerlegen kann. Ich warte also immer noch auf jenen Tag, an dem die KI ein ernstzunehmender Gegner wird. Bei Total War: Attila macht sie einen soliden, wenn auch keinen berauschenden Job. Auf der Weltkarte reagiert die KI ebenfalls sehr viel besser. Statt Horden von einzelnen Einheiten zu schicken, greift sie erneut mit Masse an, verteidigt die Städte ordentlich und versucht mich so gewaltig unter Druck zu setzen.

game-totalwarattilaVor allem beim Rundenbasierten Teil wurde einiges geändert und wieder auf alten Glanz gebracht. Zuerst weist jede der 10 wählbaren Fraktionen eine ganz eigenen Ausgangssituation auf: Als römisches Reich habe ich die meisten Provinzen, gut gerüstete Truppen und eine einigermaßen ausgebaute Wirtschaft. Allerdings bin ich damit auch das erste Ziel der marodierenden germanischen Stämme - von den Hunnen ganz zu schweigen. Die Hunnen wiederum haben gar keine Stadt, sondern ziehen als Nomadenvolk umher, plündern und errichten nur temporäre Feldlager. Sie bilden damit den genauen Gegenpart zu den Römern. Grandios unterstrichen wird das durch die neue Horden-Mechanik, deren Meister die Hunnen sind. Statt statischer Städteverwaltung zieht meine „Provinz“ mit mir durch ganz Europa, Vorderasien, Nordafrika bis nach Sibirien. Ich bewege mein Völkchen einfach wie eine Armee über das Gelände. Damit kann ich gegnerischen Angriffen ausweichen und mich niederlassen, wenn ich ein nettes Plätzchen erobert habe. Eine ganz neue Dynamik bringt diese Technik in das Total War Universum. Bis auf die Römer können alle Parteien diesen Modus wählen. Ich spiele also wirklich eine Völkerwanderung! Gothen, Franken, Vandalen - sie alle können ihre Gebiete aufgeben und woanders ein neues erobern. Spätestens, wenn eine mächtige Hunnen-Armee vor den Stadttoren steht, bekommt dieses Instrument seinen Nutzen.

Die Horden-Mechanik bringt aber auch noch andere Neuerungen. So kann ich ganze Provinzen verwüsten, womit sie nicht mehr attraktiv für meine Gegner sind, weil dort nichts zu holen ist, inklusive Nahrung für die Armeen. Heißt im Klartext: Soldaten sterben. Das bringt eine ganz neue Bedeutung für den wieder eingeführten Jahreszeitwechsel mit sich. Ich muss Vorräte für die harten, kriegsmüden Winter anlegen, während ich im Sommer fröhlich plündere, um meine Reserven wieder aufzustocken. So fühlt sich Total War: Attila mehr denn je wie ein Überlebenskampf an. Auftretende Seuchen und ein gnadenloses Klima tun ihr übriges. Diese düstere Atmosphäre wird durch den Soundtrack und die Grafik weiter ausgebaut. Das Spiel, die Weltkarte allem voran, sieht für ein Strategiespiel wieder einmal spektakulär aus. Von Kampfanimationen über das sich ausbreitende Feuer bei Belagerungen bis hin zu den Wäldern Germaniens konnte mich alles überzeugen. Und immer fühle ich mich wie im dunklen Zeitalter. Der Nebel, die kühlen Winter, ausgestorbene und verbrannte Landstriche. So intensiv kann das kein Geschichtsbuch transportieren. Denselben Anspruch kann Creative Assembly beim Thema Politik erheben. Es gibt wieder ein ordentliches Familienmanagement mit eingebautem Skillbaum für meine Heerführer.

game-totalwarattila2Daneben muss ich mich mit internen Streithähnen auseinandersetzen. Manche Adelige, denen meine Politik nicht passt, müssen durch Heirat an mich gebunden oder durch Assassinen aus dem Weg geräumt werden. Ansonsten spalten sich Teile meines Stammes ab und ich habe einen handfesten Bürgerkrieg am Hals. Erschwert wird das durch eine etwas konfuse Flut an Statistiken, durch die ich mich selbst nach mehreren Stunden nicht so richtig durchwühlen konnte. Allen voran weiß ich bis heute nicht, was genau es mit den Werten „Herrschaft“, „Macht“ und „Kontrolle“ auf sich haben könnte. An solchen Stellen scheint eben doch viel zu viel von Rome II durch. Ansonsten gibt es eher die üblichen Plus- und Minuspunkte, wie wir sie von einem Total War gewohnt sind. Diplomatie ist nur begrenzt nützlich, weil sie oft irrational scheint und am Ende sowieso nur auf Krieg hinausläuft. Das Schlachten-Getümmel findet auf detaillierten, abwechslungsreichen Karten statt und ist wunderbar inszeniert, nur könnten die eigenen Einheiten gerne etwas flexibler reagieren. Die Forschung ist ödes Beiwerk, kein substantieller Bestandteil. Es gibt jede Menge unterschiedliche Einheiten, die sich allerdings in den Details sehr ähneln. Somit ist Total War: Attila ein würdiger Vertreter des Franchise und lässt uns hoffentlich Rome II bald vergessen.



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Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Sven Sauerhammer ist der Meinung…
Was für eine Erleichterung, dass das altehrwürdige Total War wieder zu alter Größe findet. Dass Total War: Attila eigentlich aus dem Schoß von Rome II stammt, merkt man ihm glücklicherweise kaum an. Die von den gröbsten Bugs befreiten Schlachten machen wieder richtig Spaß. Das Umherziehen mit germanischen Stämmen im Horden-Modus über die Weltkarte bringt neuen Schwung ins Gameplay und ist ein echtes Highlight der ganzen Serie. Schreibtisch-Strategen können also wieder unbesorgt stundenlang ihrem Hobby frönen und gigantische Imperien aufbauen, indem sie andere niederwerfen.

Preisvergleich: Total War: Attila