Was mit der deutschen Sprache verloren geht...

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Review | Kritik | Bewertung
Sarah Connor - Muttersprache (2015)

Bewertung: 3 von 6
Label: Polydor (Universal Music)
www.sarah-connor.com

Ich denke, es gibt keinen wirklichen Zweifel an der Besonderheit von Sarah Connor's Stimme. Aber und das ist neu: sie singt jetzt unerwarteterweise auf deutsch. Ich würde darauf spekulieren, dass sie unter anderem durch ihre Teilnahme am TV-Format Sing meinen Song etwas auf den Geschmack gekommen ist. Diesbezüglich kann ich zum Einstieg in die Kritik auch nur sagen, hätte sie sich mal lieber an ihre damaligen Mitstreiter gehalten und mit diesen weiterhin zusammengearbeitet. Ein bisschen Tiefsinnigkeit eines Xavier Naidoo und etwas Leichtigkeit von Andreas Gabalier hätten dem aktuellen Album Muttersprache wirklich nicht geschadet... Stattdessen orientiert sie sich sehr an Peter Plate (ehemals Rosenstolz) und das hört man in doppeltem Sinn: der Sound ist kaum noch soulig gehalten, klingt von Zeit zu Zeit ein wenig nach Rosenstolz und die überwiegende Anzahl der Texte ist einfach nur belanglos. Sarah Connor selbst sagte einmal, dass sie „weg möchte von lustigen und lieben Dance-Pop Songs“.


Da kann man ihr gratulieren, denn das ist ihr ganz eindeutig gelungen. Allerdings muss man sich schon die berechtigte Frage stellen, was sie im Gegenzug dafür erreicht? Ich würde ja behaupten, ziemlich viel abgeschmackte und wohl bekannte Phrasendrescherei im verschwommenen Dunstkreis der alltäglichen Gefühlsausbrüche. Ein Beispiel gefällig? "Und Du siehst so traurig aus / komm in meinen Arm lass es raus / glaub mir ich war wo Du bist / und weiß was es mit Dir macht." (aus dem Song Wie schön Du bist). Das ist meines Erachtens einfach nicht die hohe Kunst des deutschen Liedtextes und ähnliches haben wir alle schon millionenfach von anderen deutschen Interpreten gehört. Noch gruseliger wird es sogar in Mein König. "So viel Lieder schrieb ich Dir / doch keines klingt so schön wie wir." In einer schlechten Schlagerschnulze dürfte es kaum schlimmer klingen und eigentlich könnte so eine Textzeile genau so gut aus der heilen Welt eines 50er Jahre Heimatfilmes stammen. Wenn solche Zeilen auch noch derart zuckersüß vorgetragen werden, wie im Fall von Sarah Connor, dann ist das für mich wirklich zu viel des Guten.

act-sarahconnorÄhnlich kitschig wird es  in der Nummer Bedingungslos: "Wenn Du mich vermisst / such mich da wo Liebe ist." Wo genau soll das bitteschön sein? Im Tal der Glücksseeligen? Ich sollte fair bleiben... Bei diesem Album gilt wie so oft: man kann nicht alles nur negativ sehen. Ein echtes Highlight gibt es immerhin auf Muttersprache. Auch wenn es in dem Track Augen auf zugegebenermaßen immer noch einen merklichen Anteil an leeren Phrasen gibt, muss man diesen doch gesondert hervorheben. Hier bezieht die Sängerin (politisch) Stellung. "Wenn Menschen alles verlieren / und Mütter auf der Flucht das Leben ihrer Kinder riskieren / wer ist dieser Gott von dem sich alle erzählen / für den Menschen sterben und andere quälen / der zulässt, dass Frauen hinter Männern gehen." Es mag an mir liegen, aber hier erreichen mich das erste Mal echte Emotionen. Sarah Connor greift hier aktuelle Themen wie die Flüchtlingsproblematik oder auch die Angst vor empfundener Islamisierung auf. Vorgetragen in leisen und langsamen Tönen hat man das Gefühl, hier setzt eine Mutter ein Statement bezüglich ihrer Sicht auf die Welt. Das ist wirklich sehr schön. Alles in allem betrachtet ist das Album Muttersprache für mein subjektives Empfinden aber etwas zu platt, wenig originell oder überraschend konzipiert, um nachhaltigen Eindruck in der Musikwelt zu hinterlassen.



redakteur-nicola

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Nicola Scheidler ist der Meinung…
Mir ist durchaus bewusst, dass Sarah Connor mit diesem Album in den deutschen Charts auf Platz 1 eingestiegen ist. Allerdings frage ich mich schon, ob dies an der tatsächlichen Klasse des Releases liegt oder mehr an der Neugierde der Hörer auf eine deutsch singende Connor. Ich finde die Idee, auf Deutsch zu singen bemerkenswert, allerdings ist dieses Konzept für mich letztlich nur befriedigend umgesetzt. Und das kann ja eigentlich nicht der Anspruch der Delmenhorsterin sein. Ihr Instrument, die Stimme, konnte mich aber wie immer beeindrucken. Ich würde mir deshalb wünschen, dass man auf der nächsten deutschsprachigen Platte einfach mehr vom Kaliber Augen auf hören wird.

Preisvergleich: Sarah Connor - Muttersprache