Magnum opus oder kurzweiliges Hörvergnügen?

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Review | Kritik | Bewertung
Marsimoto - Ring der Nebelungen (2015)

Bewertung: 4 von 6
Label: Green Berlin
www.marsimoto.de

Es ist eine interessante Entwicklung, wenn man die gesammelten Werke eines der beliebtesten Alter Egos der deutschsprachigen Rapszene durch den neongrün beleuchteten, von Nebelschwaden durchzogenen Raum an sich vorbei ziehen ist. Deine Weedlingsrapper und der gleichnamige Titeltrack des 2006 erschienen Debütalbums Halloziehnation, dazu viele kurzweilige, mehr schemenhafte Songideen, wenn man sie bei 1-2 Minuten Spielzeit überhaupt als solche bezeichnen möchte. Zwei Jahre später Zu zweit allein schon annähernd so hungrig auf Erfolg, wie eine höchst seltsame Muse auf "drei Whopper, Milchshakes und zwei Kilo Pommes" (Keine isst). 2012 dann Marsi der Zigeuner, der trotz Angst vor Langzeitschäden auch mal zu einer Flasche Absinth griff, um sein Bewusstsein zu erweitern.


Grüner Samt gilt dank zahlreicher live einfach unschlagbarer Hits abseits des harmlosen Charts-Geschehens als mit Abstand bestes Album der Diskographie bis dato und man stellt sich die berechtigte Frage: lässt sich dieses abgedrehte Level überhaupt noch steigern? Dem Endboss begegnete der Rostocker Marten Laciny Zum Glück in die Zukunft schließlich zwei Jahre zuvor an anderer Stelle und zwar als Marteria. An regelmäßigem Output mangelte es eigentlich nie... Nichtsdestotrotz bereist man gedanklich nur allzu gerne vermeintlich fremde Welten, die Marsimoto mit größtenteils verdrehten Worten bildlich so treffend umschreibt. Wenn die Sirenen auf dem Intro La Saga anfangen zu singen, ist man der hypnotisierenden Wirkung hilflos ausgesetzt. Nur wo wohnt eigentlich ein staatenloses Wesen mit unstillbarem Forschungs- und Abenteuerdrang?

act-marsimoto2Stets hart an der Grenze illegaler Sympathie, bestens versorgt mit bizarren Beats von Kid Simius, über die Marsimoto mit souveränem Tijuana Flow wie ein mittelamerikanischer Sandsturm hinwegfegt. „Der ganze Staat riecht nach Petroleum, wenn Marsi wieder kocht" und in düsteren Klängen zur Anarchie ausruft, mit der sich der viel zitierte Freundeskreis gewissermaßen wieder schließen lässt. Der Ring der Nebelungen bietet bei einem Umfang von 14 Tracks „reichlich Futter für die Armen und arme Ritter für die Reichen". Alle treffen sich An der Tischtennisplatte, was in Worten einmal mehr einer typischen Kiffer-Hymne an einem ereignislosen Freitag gleicht: "Mach mich auf meinem acht Quadratmeter Anwesen breit / hab schon zehn verpasste Anrufe in Anwesenheit." Mary Jane sorgt zumindest übergangsweise für ein Stück heile Welt, also "lassen wir die Kirche [lieber] in der Stadt, bauen Wolkenkratzer in Dein Dorf." Der gewohnte Wortwitz des grünen Wesens läuft sich langsam aber sicher warm zum Running Gag und verliert das Ziel der Ironie niemals aus den Augen.

Bestes Beispiel dürfte dafür unweigerlich die Singleauskopplung Illegalize It sein, die aktuellen politischen Diskussionen über eine Legalisierung von Cannabis in Deutschland den (Gegen)Wind aus den Segeln nimmt. Von Green Berlin geht es für Marsimoto auf kleinem Umweg nach Green Pangaea, einem der letzten globalen Superkontinente der Erdgeschichte. Flywithme betritt andere Sphären, erinnert stark an Voddoo-Rituale. "Und all die anderen nehmen jetzt ihre Maske ab / nur Marsi nicht, weil Marsi keine Maske hat." Selbst wenn der Medienrummel (Usain Bolt) schmeichelhaft ist, möchte man einfach mal den Alltag entfliehen (Trippin) und sämtliche Probleme vergessen können. Gesondert erwähnenswert scheint noch ein clever umschriebenes Statement gegen rechtsradikale Gesinnungen (Zecken raus), bei dem man gerne zweimal hinhören darf, um nicht selbst gefährdet zu sein, in "Axel Springer Stiefeln", der einbahnigen Ameisenstraße zu folgen.



redakteur-alex

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Alexander Riede ist der Meinung...
Tickets für die anstehende Green Tour ab Herbst 2015 sollte man sich als bekennender Marsimoto Fan am besten jetzt schon sichern! Dank EinsPlus darf man sich angesichts eines Live-Mitschnitts des einmal mehr spektakulär inszenierten Konzerts im Rahmen des diesjährigen Rock am Ring Festivals einen ersten Eindruck verschaffen. Jedoch ist es schon etwas anderes, wenn einem vor Ort die riesigen Boxen ein massives Klanggewitter um die Ohren hauen. Wow!-Effekt inklusive. Bei Ring der Nebelungen in Albumformat vermisse ich einen solchen phasenweise, verglichen mit Grüner Samt, man sollte dem neuen Release aber die nötige Zeit zur Entfaltung geben.

Preisvergleich: Marsimoto - Ring der Nebelungen