Lautstärkeregler auf Anschlag.

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Review | Kritik | Bewertung
Sean Paul - Full Frequency (2014)

Bewertung: 4,5 von 6
Label: Atlantic (Warner)
www.allseanpaul.com

Sean-da-Paul tanzt in diesem Jahr zwar nicht mehr mit indianischem Kriegsgerät um das lodernde Lagerfeuer, doch seine musikalischen Jünger noch immer hocherfreut über neue Töne des Superstars auf den Tanzflächen dieser Welt. Seine Tomahawk Technique hat längst noch nicht ausgedient, warum sollte er also viel an einem funktionierenden Konzept verändern? Für sein letztes Album ebenso wie für Imperial Blaze in der Kategorie „Bestes Reggae Album“ für den Grammy nominiert, startet er nun einen noch umfangreicheren  „Lausch(er)angriff mit Full Frequency. Sean Paul weiß vermutlich, wonach dem vom herkömmlichen Alltag schwer gelangweiltes Volk dürstet: heiße Dancehall-Rhythmen.


Den einführenden Reggae-Track aus der Techno-Buchse (Riot feat. Damian Marley) skippt man gerne weiter, nicht zuletzt deshalb, weil mit dem unmittelbar darauffolgenden Entertainment 2.0 ein treibender Club-Banger auf den Hörer wartet. Als Unterstützung holte sich Sean Paul an dieser Stelle Juicy J, 2 Chainz und Nicki Minaj und in dieser Formation schicken sich alle Beteiligten an, das Publikum in Feierlaune zu bringen. Wenn man dann schon die Tanzfläche gestürmt haben sollte, animiert Pornstar ohnehin freizügige Exemplare der holden Weiblichkeit, ihre augenscheinlich hervorstechenden Reize zu präsentieren. Ich möchte jetzt niemandem die Illusionen nehmen, aber so „tiefgründig“ die lyrischen Ergüsse unseres jamaikanischen Liebesgurus auf Albumlänge auch sein mögen, holt einen die bittere Realität vermutlich dann wieder ein, wenn man einmal versucht, einen Discoabend in nüchternem Zustand zu überstehen.

act-seanpaul2Beobachten lässt sich dabei vorwiegend die natürliche Reaktion eines Mannes auf animierende Bewegungsabläufe: Ein fester Griff umfasst... die Bierflasche und lässt sie nicht mehr los. „Dancing like a pornstar, stare like a moron“ sozusagen, doch unbeeindruckt davon lädt Sean Paul nicht nur Miley Cyrus ein, ungeniert zum unruhigen Beat von Want Dem All zu twerken, als gäbe es keinen Morgen mit entsprechender Katerstimmung, in der uns ein trister Arbeitsalltag wieder einholen könnte. „Follow me baby, I’m taking you for a ride / It’s just me and you, we party in the whole night […] You got nothing to lose, I wanna make you feel right.“ Inhaltlich lässt sich der Musiker aus Kingston kaum von seinem bekannten Standardprogramm abbringen und präsentiert nicht wirklich neue Facetten als Künstler. Genau daran darf man sich jedoch speziell auf diesem Album nicht stören, möchte man sich den Spaß an einem lockeren Lebensgefühl nicht unnötig verderben lassen. Eine kurze Verschnaufpause bietet Wickedest Style mit der australischen Rapperin Iggy Azalea, die ein bisschen nach TLC klingt.

Bei der Singleauskopplung It’s Your Life (produziert von StarGate) greift Sean Paul einmal mehr auf ein unverwechselbares Riddim Repertoire zurück. Auf diese oder ähnliche Weise entstanden schon so einige Chartstürmer, weshalb logischerweise auch die Nummer aktuell nicht aus der Radiolandschaft wegzudenken ist. Mister Henriques stimmt wenig später verführerische Textzeilen an (Anyday), um wie üblich die Auserwählte von seinen Qualitäten überzeugen zu können. Welche das abseits des Gesangs sein sollen, verdeutlichen fragwürdige Lichtspiele im Schlafzimmer (Lights On). Statt geheimen Codewörtern bewährt sich bei Sean Paul offenbar ein experimentielles Ampelsystem. Jetzt wissen wir das also auch. Kann man in Songform packen, muss man aber nicht. Dann doch lieber einen Track der Sorte Legacy mit ordentlichem Bass, den spürt man mit der richtigen Lautstärke schließlich auch in der unteren Bauchregion vibrieren.



redakteur-alex

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Alexander Riede ist der Meinung...
Das Hitpotenzial ist – wie sollte es anders sein – Sean Paul selbst nach Jahren im Musikgeschäft nicht ausgegangen. Ganz im Gegenteil: der jamaikanische Reggae/Dancehall Act beweist auch auf seinem neuesten Album Full Frequency ein verdammt sicheres Gespür für den Sound einer festen Zielgruppe. Und diese feiert bestimmt ausgelassen auf Ibiza und anderen Partylocations zu Turn It Up und weiteren Songs, ohne sich großartig Gedanken zu deren Inhalt zu machen. Was funktioniert, muss man nicht ändern, also enthält Full Frequency wieder reichlich Bewährtes und daran muss man sich nicht lange gewöhnen.

Preisvergleich: Sean Paul - Full Frequency