Ein Samba-Kostüm, das die Welt nicht braucht.

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Review | Kritik | Bewertung
Various Artists - The Brazil Connection (2014)

Bewertung: 1,5 von 6
Label: Sony Music
www.legacyrecordings.com

Wer sich mit einer Vielzahl an Cover- und Remakealben in der Musikwelt etwas genauer auseinandersetzen möchte, kommt nicht umhin, auch einen generellen Blick auf die Frage der Genialität von Kunstwerken beziehungsweise, wie im Fall der Veröffentlichung des Studio Rio mit dem Titel The Brazil Connection, ganz allgemein der Unterhaltungsmusik zu werfen. Eine allzu flache, pauschale Kritik an Wiederauffrischungen oder Neuinterpretationen fremder Werke beharrt meist darauf, die individuelle Eigenleistung würde dabei in den Hintergrund treten, stattdessen ruhe man sich auf „fremden Lorbeeren“ aus. Nun kann einer solchen Aussage mit dem berechtigten Zweifel begegnet werden, ob es überhaupt so etwas wie ein originelles Werk eines einzelnen schöpferischen Genies gibt - egal ob in der Musikbranche oder in einer anderen Spielart der Kunst.


Jeder Komponist bedient sich eines Tonsystems, das sich durch jahrhundertelange Verwendung überhaupt erst als solches etablieren konnte, setzt also Melodien ein, die sicherlich irgendwo irgendwie zumindest bruchstückhaft schon einmal vorhanden waren, in Rhythmen um, die bereits millionenfach strapaziert sind. Was also macht ein Musiker, der sich mit seinen Coverversionen an einem fremden Repertoire bedient und es auf seine Weise wiedergibt, dem Grunde nach anders? Das haben sich vielleicht auch die Berman Brothers gedacht. Jenes Team, das sich 2006 mit der Platte Rhythms del Mundo einen Namen machte. Der neueste Streich des deutschen Produzentenduos: Einmal mehr pünktlich zur Fußball-WM präsentierte man ein pseudo-kosmopolitisches Album mit Klassikern der Jazz- und Soulmusik, die man – wie kreativ – brasilianisch einfach neu interpretiert. Das klingt so naheliegend, wie es sich letztlich als banal entpuppt.

act-thebrazilconnectionSo werden auf The Brazil Connection also Dave Brubeck's Take Five, Sexual Healing von Marvin Gaye oder der altbekannte Jazz-Standard Summertime zu Versatzstücken eines eurozentristischen Bildes der „Ramba-Samba-Kulturwelt“ Brasiliens: dahin säuselnd, unproblematisch in bester Lounge-Manier dargeboten, musikalisch so solide wie belanglos. Für Authentizität und erhoffte Gänsehaut soll eine moderne „Science of Sounds“-Studiotechnik sorgen, bei der Gesangsspuren aus den Originalaufnahmen der Klassiker extrahiert und anschließend auf die Musik eines „Allstar-Ensembles brasilianischer Musik-Pioniere“ gemischt wurden. Mit dem Gefühl und der Spontanität von handgemachter Musik hat das leider so viel zu tun, wie The Brazil Connection mit den hellen Momenten der Populärmusik. Highlights sucht man auf der Platte vergeblich. Das liegt vor allem daran, dass der Sampler von den Machern bewusst ohne Höhepunkte strukturiert wurde. Als Festivität einer Matinee bröseln die Songs so gleichgültig vor sich hin, dass man spontan einen Caipirinha nach dem anderen trinken möchte. Dann zumindest wäre einem die mangelnde Inspiration der „Brazil Connection“ auch egal. Keinen einzigen der 12 Tracks möchte man hervorheben – das gilt positiv wie negativ.



redakteur-david

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

David Liese ist der Meinung...
Um in meinem Fazit zur Ausgangsfrage der Kritik zurückzukehren: Cover und Neuinterpretationen mögen in der Popmusik zwar nicht grundsätzlich banal, einfallslos oder gar künstlerisch minderwertig sein. The Brazil Connection (präsentiert vom Studio Rio) ist allerdings ein merkwürdig kalkuliert daherkommendes Musikprojekt, das wohl zu offensichtlich auf der Popularitätswelle des noch nicht vollends abgeklungenen Brasilien-Hypes in diesem denkwürdigen WM-Jahr mitschwimmen möchte und selbst dort sang- und klanglos absäuft.

Preisvergleich: Various Artists - The Brazil Connection