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Reportage:
Gamescom 2015 - Teil 1

von 5. bis 9. August 2015 in Köln

„Games sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen!“ ist ein Satz, den man in irgendeiner Abwandlung zu Zeiten der Gamescom immer wieder vernimmt. In Anbetracht neuer Rekorde von 350.000 Besuchern, einer steigenden Anzahl an Ausstellern und der Vereinnahmung des gesamten Kölner Messegeländes können selbst die seriösen Medien nicht mehr umhin, zumindest im Sommer über Videospiele zu schreiben. Und sei es nur ein Abdruck von Pressemitteilungen über die neuen Dimensionen der weltgrößten Besuchermesse zum Thema elektronische Unterhaltungssoftware. Dann fällt auch immer wieder die Bemerkung, dass Games „keine Nerdsache von 16-Jährigen“ mehr wäre. Andere sagen diesen Satz als reinste Ironie. Denn wer ernsthaft einen solchen Satz noch in einen Artikel über die Gamescom packt, hat es nie verstanden und wird es vermutlich auch nicht mehr: es sind nicht die Spiele, die irgendwo angekommen sind, es ist die Gesellschaft, die sich verschiebt.


Die SNES Kids von früher sind jetzt die Mittelschicht, bekommen selbst Kinder und frönen ihrem Hobby nicht mehr in der Abgeschiedenheit des eigenen Zimmers, sondern im Wohnzimmer mit LED-Fernseher und Next-Gen Konsole. Dementsprechend ist die Gamescom 2015 keine charmant kleine Messe mehr, wie der Leibziger Vorgänger Games Convention, wo sich die üblichen Verdächtigen in flauschiger Atmosphäre trafen. Es ist eine logistische Herausforderung, die langsam an ihre Grenzen stößt. Mittlerweile stehen die Besucher vor den Hallen Schlange, um sich drinnen nochmal anstellen zu dürfen. Das Gedränge ist so anstrengend wie ein Marathonlauf, vor allem wenn der Kölner Sommer mit 30 Grad seinen Teil dazu beisteuert. Potenziert wird der ganze Stress dann noch durch die Aussteller, die lieber eine Show abziehen, statt den Besucher möglichst effizient durchzuschleusen. Stattdessen gibt es stundenlanges Schlangestehen, während die verschiedenen Stände in einen Krieg des Lautstärkepegels und der unsinnigsten Moderationen verfallen, dass selbst gestandene Marktschreier irgendwann weinend zusammenbrechen würden.

Das erste Fazit, welches ich nach meinen vier Tagen Gamescom mache, ist ein eher negatives: warum tut sich das noch irgendjemand an? Warum die Unkosten einer Anfahrt, einer Karte und vermutlich eines Hotels, um am Ende vielleicht zwei oder drei der großen Titel für 15 Minuten spielen zu dürfen? Geht es darum, einer der Ersten zu sein? Ist es die seltsame Art von Festivalcharakter? Kann ich damit angeben, dabei gewesen zu sein? Oder ist es ein Massenphänomen, in welchem der Herdentrieb die Kontrolle über das Individuum übernimmt? Ich konnte keine richtige Antwort finden. Was ich stattdessen gefunden habe, ist das Gegenteil von all dem, was man unserer Jugend so gerne vorwirft: stoische, Zen artige Geduld beim Schlangenstehen statt Zappel-Philipp. Grenzenlose Begeisterung und selbstlose Opferbereitschaft für ein Hobby, das man liebt, statt zynischer Tatenlosigkeit. Und viel Kreativität, angefangen bei den abwechslungsreichen Zeitvertreiben während der horrenden Wartezeiten bis hin zu den aufwendig gestalteten Cosplay-Kostümen. Am meisten beeindrucken konnte mich allerdings die gute Stimmung der Fans. Man sollte meinen, bei brütender Hitze und ohrenbetäubendem Lärm wäre diese den meisten vergangen. Weit gefehlt! Genörgel vernimmt man - wenn überhaupt - von Journalisten und Fachbesuchern, die das Geschehen schon seit Jahren verfolgen. Für die vermeintlich Leidtragenden ist die Gamescom 2015 einer der Höhepunkte ihres Jahres.
- Sven Sauerhammer | www.gamescom.de