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Reportage:
Gamescom 2015 - Teil 2

von 5. bis 9. August 2015 in Köln

So schön es ist, die ausgelassene Party-Atmosphäre der Spieler zu erleben, so richtig ist es, dass der harte Kern der Gamescom die Spiele sind. Wegen ihnen pilgern die Massen einmal im Jahr nach Köln. Wie bereits gesagt, nimmt die Messe Dimensionen an, die von einem Einzelnen gar nicht bewältigt werden können. Also musste ich mich schon im Vorfeld entscheiden, was ich auslasse. Egoistisch wie ich nun mal bin, habe ich einfach meine eigenen Präferenzen als Maßstab genommen. Dankbare Opfer waren diverse Ego-Shooter wie Black Ops 3, Destiny: König der Besessenen, Homefront: The Revolution zählten sicher zu den Toptiteln dieses Jahr, wurden trotzdem ohne Zögern von der Liste gestrichen. The Division und natürlich Star Wars: Battlefront habe ich dann auch gemieden, weil der Ansturm einfach zu groß war. Ich hätte gerne einen ersten Eindruck bekommen, was hinter dem Hype steckt, doch es hätte zu viel Zeit gefressen. Sport- und Rennspielen wurden übergangen. Darüber hinaus mussten sämtliche Games für Nintendo Geräte und auch der Mobile-Bereich dran glauben. Für immerhin einen Ego-Shooter reichte es dann doch: Overwatch ist ein MMO-Shooter, wie es sie mittlerweile im Dutzend billiger gibt, aber er ist eben von Blizzard. Deshalb schaut man genauer hin.

 
Selbst wenn der Titel spielerisch nicht außergewöhnlich ist, dürfte hier das Charakterdesign ausschlaggebend sein. Der Warcraft Entwickler lässt den Spieler aus einer Vielzahl auf den ersten Blick gut ausbalancierter Charaktere wählen, die an all die Titel des Hauses erinnern. Zwerge und Elfen treten gegen Cyborgs und dämonischen Figuren an. Präsentiert in einer bunten Comicgrafik dürfte es ernsthafte Konkurrenz für die ewig gleichen Military-Shooter bieten. Natürlich durfte eine kleine Session des vermutlich letzten erfolgreich aktiven RTS-Franchises nicht fehlen. Mit Legacy of The Void geht das Science-Fiction Epos StarCraft in die nächste Runde. Zu Spielen war zwar keine Mission der Kampagne, dafür gab es zwei extra für die Gamescom 2015 gestaltete Coop-Karten. Beim ersten Versuch musste ich mir eingestehen, dass ich etwas aus der Übung bin, was Echtzeitstrategie anbelangt. Dann jedoch konnte ich den Klassiker in vollen Zügen genießen. Es war einfach zu verlockend, nicht anstehen zu müssen. Wie bei Overwatch lag das sicher nicht am mangelnden Interesse, sondern an Blizzard's Organisation. Der Stand war voll mit Rechnern, statt überflüssigem Beiwerk wurden Spieler ohne große Verzögerungen auf ihre Plätze gelotst. Wirklich Vorbildlich. Das genaue Gegenteil zu Blizzard war Bandai Namco. Seit der Ankündigung auf der E3 lecken sich alle ihre Finger nach Dark Souls III. Der Andrang war riesig, der Stand war es nicht! 24 lausige Rechner, mehr war der Titel dem Publisher wohl nicht wert. Star Wars: Battlefront hatte dafür Plätze im dreistelligen Bereich. So viel Aufwand hätten die Dark Souls Fans definitiv verdient. Dark Souls III spielt sich etwas flotter als die beiden Vorgänger. Gestorben wird trotzdem wieder reichlich. Sieht also nach einem weiteren Pflichtkauf für masochistische Hardcore-Gamer aus.

event-gamescom20153Etwas enttäuschender waren hingegen die vielen Gameplay-Trailer von kommenden Blockbuster-Titeln. Sony präsentierte mit Horizon: Zero Dawn einen auf dem Papier enorm innovativen Shooter, welcher in einer untergegangen Welt beheimatet ist. Regiert wird dieser futuristische Dschungel von riesigen Roboter-Dinosauriern. Die sehen wirklich toll aus und sprühen vor kreativen grafischen Ideen. Das Gameplay scheint dem allerdings nicht gerecht zu werden. Was man so sieht, erinnert stark an das übliche Überlebensabenteuer mit Pfeil und Bogen. Am Stand von Square Enix gab es dann ebenfalls zwei Gameplay-Trailer zu Spielen, von denen ich eigentlich gehofft hatte, selbst mal den Controller in die Hand nehmen zu können. Das erste war der neue Hitman. Hier wurde gezeigt, wie man einen der Aufträge zum Abschluss bringt. Natürlich in der spektakulärsten Variante. Trotzdem konnte man auf dem Weg dorthin bereits erkennen, dass sich die Entwickler einiges ausgedacht haben, damit die Welt, in der sich der Auftragskiller bewegt, möglichst lebendig wirkt. Viel weniger sah ich von Deus Ex: Mankind Divided. Ironischerweise gab es beim Trailer von Hitman relativ wenig Tote, während Cyberagent Adam Jensen einen ganzen Berg davon hinterließ. Da sich einige beschwert hatten, die Action wäre beim letzten Teil zu kurz gekommen, musste ich jetzt eine vollkommen übertriebenen Spielfigur beobachten, wie sie andere augmentierte Agenten mit Titanklingen und Maschinengewehr niedermäht. Ganz so schlimm wird es im Spiel wohl nicht werden, aber von den eigentlichen Stärken der Serie – tolle Geschichte, glaubwürdige Spielwelt, spannende Stealth-Abschnitte und kleine Geschicklichkeit-Einlagen - war kaum etwas zu sehen, was mich in Sorgenfalten aus der Präsentation gehen ließ.

Die kleine Demo von Dragon Quest Heroes lockte mich dann ein weiteres Mal an die Konsole. Es spielt sich wie das übliche Button Mashing Hack & Slay, aber eben mit der bunten Grafik, den charmanten Helden und liebenswerten Bösewichtern der Dragon Quest Serie. Dieser Umstand könnte das Spiel vonm Slasher-Allerlei abheben. Sicher gibt es noch einiges zu tun, damit ich voll und ganz zufrieden bin. Ähnlich nostalgisch wurde es bei Might & Magic Heroes VII von Ubisoft. In drei Kampfszenarien konnte ich der gegnerischen KI Zug um Zug meine Überlegenheit demonstrieren. Als Veteran der Serie kam ich mit der Spielmechanik sofort zurecht. Was allerdings ein Problem werden könnte... Nach so vielen Teilen, die sich seit Beginn des Epos kaum verändert haben, besteht die Gefahr, dass schnell Langeweile einzieht. Zwei echte Geheimtipps konnte ich ebenfalls ausmachen. Zwischen all den Sportspielen und dem Menschenauflauf bei Star Wars: Battlefront fand ich bei Electronic Arts ein kleines Juwel namens Unravel. In einer wunderschönen 2D-Grafik steuere ich den winzigen Yarni durch die Welt. Der Clou dabei: Yarni besteht aus einem Garnfaden. Dieses Konzept wurde wunderbar umgesetzt. Nicht nur, dass sich Yarni deswegen ganz außergewöhnlich bewegt, er verliert mit jedem Schritt mehr von seinem Faden, also von sich selbst. Gleichzeitig kann er sich mit dem Faden über Abgründe schwingen oder Brücken bauen. Auf jeden Fall ist Unravel ein kreativer Titel, den ich im Auge behalte. Genauso wie Mighty No 9. Deep Silver ist es hier gelungen, den Erfinder von Megaman unter Vertrag zu nehmen. Dementsprechend ähnlich sehen sich nicht nur die beiden Roboterhelden. Das ganze Spiel erinnert an die blaue Jump & Run-Legende. Das 2D-Spektakel spielt sich flüssig, ist charmant animiert und kann mit wunderbar designten Levels aufwarten, dass bei mir vor rosaroter Megaman-Nostalgie keine Kritik aufkeimen wollte.

Zum Schluss muss natürlich noch der Gamescom 2015 Trend schlechthin besprochen werden: Virtual Reality. Mittlerweile mischen alle Großen mit. Nur dem breiten Publikum zeigen, was man kann - das hat keiner getan. Die meisten stellten ihre Technologie hinter verschlossenen Türen einem ausgewählten Publikum vor und zu dem gehörte ich leider nicht. Bei einem unscheinbaren Stand aus dem Hause Nvidia bekam ich meine Chance. Die mischen insofern mit, weil sie die Grafikchips herstellen müssen, welche die neue Technik zur Perfektion führen sollen. Nach einer Stunde in der Warteschlange kam ich endlich an die Reihe. Schon gab es die ersten Probleme, weil ich Brillenträger bin, was das Überstülpen der Virtual Reality Brille zu einem eigenen Abenteuer machte. Kein guter Start, um einen Skeptiker zu überzeugen. Doch dann startete die Demo von EVE: Valkyrie, einem Weltraum-Shooter. Ich drehte meinen Kopf nach oben, sah den unendlichen Weltraum, ich drehte ihn nach links, sah meine Wingmen, ich dreht ihn nach rechts und sah wie ein gigantischer Weltraumkreuzer an mir vorbeifliegt. Dann kommt die Angriffswelle und ich jage feindliche Schiffe durch eine Flotte an Kampfschiffen, die aus allen Rohren feuern. Es ist schwer zu leugnen, dass dies ein überragendes Erlebnis war. Ob sich diese Technologie so reibungslos in unsere Wohnzimmer ausbreitet, wie viele glauben und hoffen, denke ich trotzdem nicht. Denn es gibt immer noch ein paar Vorbehalte: wird es echte Spiele dazu geben oder werden wir ähnlich wie bei 3D-Filmen nur einen übergestülpten Effekt sehen, der einen Verlust des Spielgefühls mit sich bringt? Möchte man eigentlich stundenlang mit so einer Brille im Wohnzimmer herumturnen? Mit den Fragen wird sich die Branche in den nächsten Jahren auseinandersetzen. Ich bin noch skeptisch, immerhin wäre es nicht das erste Mal, dass ein angeblicher Trend floppt. Aber warten wir einfach auf die nächste Gamescom. Vielleicht sind wir dann etwas schlauer...
- Sven Sauerhammer | www.gamescom.de