Geschichten aus der sozialen Schattenseite.

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Review | Kritik | Bewertung
Orange Is The New Black (2015)

Bewertung: 4,5 von 6
Studio: Netflix
www.netflix.com/orange

Netflix schwingt sich immer mehr zu einem ernsten Thronerben von HBO auf. Nicht nur mit House of Cards konnten sie einen echten Konkurrenten zum hochwertigen Serien-Franchise etablieren, auch andere Serien des Streaming-Dienstes können die Kritiker verzücken. Eine von ihnen ist Orange Is The New Black. In dieser Serie muss Piper Chapman (Taylor Schilling) ihr friedliches Mittelstandleben gegen eine enge Gefängniszelle tauschen. Ab sofort dreht sich ihr Leben beinahe ausschließlich um unappetitliches Essen, besetzte Duschen/Toiletten und um den Versuch, hier drin nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Doch gerade eben durch ihre Herkunft fällt sie auf wie ein bunter Hund. Denn wie der Titel bereits andeutet: Es ist nicht mehr exklusiv die Rassenproblematik, welche die Gefängnisse füllt. Vielmehr dominiert eine Art soziales Stigma das amerikanische Rechtssystem. Dementsprechend findet Piper viele unterschiedliche Typen an Menschen, die eigentlich nur eines gemeinsam haben: sie stammen aus der Unterschicht.


Das dieses Problem aber in Piper's sozialem Umfeld kaum eine Rolle spielt, zeigen schon in der ersten Folge die Reaktionen der Verwandten und ihres Verlobten Larry (Jason Biggs). Die verhalten sich, als würde sie in ein verlängertes Ferienlager fahren und interessieren sich mehr für die extravaganten Umstände ihrer Verhaftung, als für die ernsthaften Konsequenzen für Leib und Leben. Dass Piper für einen einmaligen Drogenschmuggel verurteilt wurde, der 10 Jahre zurückliegt, ist hier eine ungewöhnliche Tatsache. Dass der dazugehörige Dealer ihre lesbische Lebensgefährtin Alex (Laura Prepon) war, macht die Eltern und den Verlobten sogar noch stutziger. So außergewöhnlich diese Umstände auch sein mögen, sie vernebeln letztlich nur den Blick auf die anstehenden Probleme, mit denen sich Piper ab sofort auseinandersetzen muss. Dass ihre Lösungsvorschläge für diverse Probleme aus einer anderen Welt stammen, ist dabei wenig hilfreich. Schon mit ihrer ersten Kritik am Essen verärgert sie die Köchin, weshalb sie hungern muss. Ihre anschließenden Plädoyers an Vernunft und Menschlichkeit sind nicht nur kontraproduktiv, sondern stellen sie ins Zentrum negativer Aufmerksamkeit.

movie-orangeisthenewblackDas anfängliche Wohlwollen des Gefängnisdirektors, der in ihr eine neue Verbündete sieht, potenziert die Probleme noch mal. Wer jetzt aber glaubt, Orange Is The New Black würde sich nur in den gängigen Gefängnis-Klischees wälzen, wird schnell eines besseren belehrt. Natürlich gibt es zeitweise Brutalitäten, versnobte Bürokraten, sadistische Wärter und die bekannten Knastgangs. Doch alleine die Tatsache, dass es sich hier um ein Frauengefängnis handelt, rückt viele dieser Klischees in ein neues Licht. Ein weiterer Punkt ist die latente Aussichtslosigkeit. In anderen Gefängnisdramen gibt es immer irgendein Symbol der Hoffnung, sei es ein Gegenstand an dem gebastelt wird, einen Revolutionsführer oder gleich einen ganzen Ausbruchsplan. Hier gibt es all das nicht. Nur das triste grau der Zellenwände und der Versuch, jeden Tag unbeschadet zu überleben. Diese Aussichtslosigkeit wird durch einen dramaturgischen Kniff sogar zur zentralen Sozialkritik in Orange Is The New Black erhoben. Denn statt eine streng lineare Geschichte um Protagonistin Piper zu entwickeln, werden geschickt immer wieder Rückblenden über die anderen Insassen eingebaut. Diese schildern glaubhaft, wie sie weniger durch böswilliges Verhalten als vielmehr durch einen sozialen Sog ins Verderben stürzten.

Man gewinnt den Eindruck, sie hatten nie eine echte Chance und das Leben im Gefängnis war für sie unvermeidlich. So entstehen äußerst starke Charaktere um Piper, hinter die sie im Laufe der zweiten Staffel sogar zurückfällt. In einigen Episoden taucht sie gar nicht mehr auf. Das ist dann auch einer der Schwachpunkte der Serie. Es fehlt die eindeutige Identifikationsfigur. Nicht nur weil Piper's Rolle immer schwächer wird, sondern weil die Handlung immer wieder zwischen den Charakteren springt. Das macht es leider schwer, dem Alltag und den sich aufbauenden Rivalitäten zu folgen. Es offenbart ebenfalls ein paar erzählerische Schwächen, wenn die Story mit Versatzstücken gefüllt wird, wie der erzwungenen Rückkehr des sadistischen Wärters Mendez (Pablo Schreiber). Oder der Liebesgeschichte zwischen dem Wärter John (Matt McGorry) und der Gefangenen Daya (Dascha Polanco), die oft wie ein Lückenfüller wirkt, der ausgepackt wird, wenn nichts Substantielles passiert. Hinzu kommt, dass der deutsche Zuschauer ein rudimentäres Verständnis der amerikanischen Sozialprobleme haben sollte, weil er sonst viele Dinge nicht nachvollziehen kann.



redakteur-sven

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Sven Sauerhammer ist der Meinung…
Orange Is The New Black ist sicherlich kein neues House of Cards, hat es aber trotzdem verdient, etwas aus dem Schatten des großen Bruders zu treten und auch bei uns die nötige Anerkennung zu ernten. Die Geschichte mausert sich zu einem fesselnden Stück Sozialkritik, das den Blick auf ein oft vernachlässigtes Problemfeld richtet. Die Erzählform, in der eine fortlaufende Geschichte durch Rückblenden über einzelne Charaktere gestützt wird, unterstreicht sehr schön diesen Ansatz. Leider kommt es immer wieder zu Durchhängern, in denen die Handlung nicht so recht weiß, wohin sie gehen soll. Ich hoffe, in der kommenden, dritten Staffel wird hier nachgebessert. Dann klappt es sicher auch mit einer vierten und fünften Staffel, die vielleicht sogar House of Cards Niveau erreicht.