Buße für alte Sünden.

vod-daredevil

Review | Kritik | Bewertung
Marvel's Daredevil (2015)

Bewertung: 4,5 von 6
Studio: Netflix
www.netflix.de/marvelsdaredevil

Marvel bläst jetzt auch zum Großangriff auf den Fernsehbildschirm. Neben den zeitlosen, vielfältigen Zeichentrickserien über die X-Men, Hulk, Avengers und Co. werden jetzt diverse Comics auch als Realserien präsentiert. Dabei soll ausgerechnet Daredevil dank einer Kooperation mit Netflix zum Erfolg auf den heimischen Bildschirmen geführt werden. Die Abenteuer des blinden Anwalts Murdock, der in seinem Stadtteil Hell's Kitchen als selbsternannter Rächer aufräumt und nebenbei noch sein Privatleben als behinderter Bürger auf die Reihe bekommen muss, scheint im derzeitigen Fernseh-Umfeld für einen solchen Serienauftritt ja wie geschaffen: Der Charakter ist so komplex wie sein soziales Umfeld und man kann sowohl Verschwörungen als auch sozialkritische Töne einfließen lassen. Dazu braucht man keine aufwendigen Kino-Effekte wie bei den Avengers, weil unser Held eben keine Blitze oder Raketen schleudert, sondern einfach nur seine Fäuste benutzt, ganz ohne grüne CGI-Muskeln. And Last but not Least erlaubt das Serienformat derzeit eine explizitere Gewaltdarstellung als das familienfreundliche Kino. Ein nicht zu unterschätzender Faktor.


Trotzdem: Warum Daredevil? Immerhin wurde hier schon 2003 ordentlich gepatzt. Selbst nach über zehn Jahren lastet diese mittlere Katastrophe auf der Karriere des damaligen Hauptdarstellers Ben Affleck und der Comic-Serie selbst. Es scheint fast so, als wolle Marvel dieses Stigma endlich loswerden und etwas Buße tun, ganz wie der durch und durch katholische Held. Der unbescholtene Charlie Cox spielt jetzt jenen blinden Anwalt Matt Murdock, welcher nachts durch die Straßen von Hell's Kitchen zieht, um Verbrecher zur Strecke zu bringen. Sein Hintergrund bleibt dabei natürlich derselbe. Bei einem schweren Unfall in seiner Kindheit hat er das Augenlicht durch chemische Abfälle verloren. Dafür wurden alle seine anderen Sinne um ein Vielfaches empfindlicher. Diese Gabe nutzt der talentierte Junge aber erst, nachdem sein Vater, ein Profiboxer mit dem Ruf sich leicht kaufen zu lassen, getötet wurde, weil er dem örtlichen Mafiosi nicht mehr hörig sein wollte. Es folgt ein hartes Training unter dem mysteriösen Stick (Scott Glenn), in welchem die Grundsteine für Murdock's äußerst nützliche Fähigkeiten gelegt werden. Neben allerlei Martial Arts Tricks lernt er sein Gehör als Lügendetektor zu nutzen, seine Nase als Scanner und vieles mehr... Natürlich wird uns das alles nicht als großer Klumpen aufgetischt, sondern es wird fein über die Serie verteilt in Rückblenden präsentiert.

movie-daredevilIn diesen Rückblenden darf sein bester Freund Foggy Nelson (Elden Henson) natürlich nicht fehlen. Mit ihm zusammen macht er seine eigene Anwaltskanzlei auf, um dem einfachen Bürger zu helfen. Foggy ist dabei nicht ganz so idealistisch wie Matt, macht ein paar nicht ganz so integere Deals mit der Polizei und würde gerne ordentlich Geld verdienen. Die erste Klientin geht somit auch auf seine Kappe, obwohl am Ende kein Geld abfällt: Die junge Sekretärin Karen Page (Deborah Ann Woll) wird neben einer Leiche gefunden. Matt und Foggy übernehmen als Pflichtverteidiger und Matt findet schnell heraus, dass Karen nicht nur rechtlichen Beistand braucht, sondern auch gegen miese Schläger beschützt werden muss. Murdock's alter Ego Daredevil muss also ran. Und schon sind die drei mittendrin in einem Sumpf aus Verbrechen und Korruption. Während Karen und Foggy versuchen, dem Syndikat durch das Aufdecken von Scheinfirmen ans Leder zu gehen, macht sich Matt daran als Daredevil die Fäuste sprechen zu lassen. Marvel's Daredevil verfolgt damit zwei Haupthandlungsstränge, die beide dasselbe Ziel haben: den geheimnisvollen Superschurken Wilson Fisk (Vincent D'Onofrio) zur Strecke zu bringen. Doch leider ist Foggy's und Karen's Handlungsstrang weitestgehend überflüssiger Ballast. Die Recherchen der beiden, die später noch durch den Journalisten Ben Urich (Vondie Curties-Hall) unterstützt werden, wirken meistens sinnlos, findet doch Matt als Daredevil vieles schon vorher heraus, weshalb für den Zuschauer kaum Überraschungen bleiben.

Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen dem verständnisvollen Foggy und der gebeutelten Karen steuert da ebenfalls nur wenig Substanz bei. Die Figur des Matt Murdock zeigt ebenfalls einige Schwächen. Sie pendelt zu sehr zwischen dem dauergrinsenden Anwalt am Tag und dem dunklen Rächer bei Nacht. Gerade die interessanten Grautöne dazwischen kommen viel zu kurz. Fast gewinnt man den Eindruck, die Macher trauten Charlie Cox solch eine Vielschichtigkeit nicht zu. Den interessantesten Fokus legt Marvel's Daredevil sowieso auf seinen Bösewicht Wilson Fisk. Immer wieder überrascht die ausgezeichnete Darstellung von D'Onofrio mit fein ausgearbeiteten Charakterzügen, deren Grundlagen sich glaubwürdig in Fisk's Vergangenheit finden lassen. Schnell entsteht das Bild eines Mannes, der gegen die Dämonen seiner Vergangenheit ankämpft, indem er versucht die Stadt zu „verbessern“. Nur im Gegensatz zu Daredevil glaubt er, die Stadt müsse erst niedergebrannt werden, damit etwas Neues errichtet werden kann. Genauso wenig wie Fisk als eindimensionaler Superverbrecher abgestempelt wird, ist seine Organisation ein homogener Haufen aus hörigen Super-Verbrechern, sondern ist durchzogen von inneren Zerwürfnissen. Es gibt tödliche Verschwörungen gegen das Oberhaupt, einen internen Krieg und konkurrierende Kartelle versuchen ihr Stück des Kuchens zu vergrößern. Das bringt den nötigen Schuss Komplexität, macht die Handlung dynamischer und spannender, muss sich doch Murdock sowohl als Anwalt wie auch als blinder Rächer den Geschehnissen um seinen Erzfeind anpassen.

movie-daredevil2Er bekämpft eben nicht nur Fisk, sondern eine ganze Organisation mit den unterschiedlichsten Köpfen. Wir lernen daher einige von Fisk's Helfern und deren Helfershelfer kennen, was den Fokus noch mehr auf die „Bösen“ legt und die Helden weiter vernachlässigt. Am Ende weiß ich nicht nur mehr über die Schurken als über Matt, Foggy und Karen, sondern ich finde sie sogar sympathischer. Nicht das dagegen prinzipiell etwas einzuwenden wäre. Nur handelt es sich hier nicht um Game of Thrones, sondern um die Adaption einer Comic-Vorlage, wo die Rollen des Protagonisten und des Antagonisten deutlich verteilt und die Linie zwischen Gut und Böse trotz einiger Verwischungen letztlich klar erkennbar sind. Daran ändert auch nichts, dass Daredevil gern hart zuschlägt und die bösen Jungs dank seines Zutuns auch mal das Zeitliche segnen. Diese Action ist solide inszeniert, wirklich abheben von derzeitigen Serienstandards kann sie sich aber nicht. Brechende Knochen und klaffende Wunden erschrecken den kundigen Serienzuschauer auch nicht mehr sonderlich, zeigen aber, dass es sich hier nicht um einen der sauberen Helden in Marvel's Portfolio handelt. Dazu wirft die Vergangenheit ein paar Schatten, durch die unser Held wohl in den kommenden Staffeln noch etwas mehr auf der dunklen Seite verweilen wird. Man darf also gespannt sein, was die Kooperation zwischen Marvel und Netflix noch so ausbrütet für das Teufelchen aus Hell's Kitchen.



redakteur-sven

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Sven Sauerhammer ist der Meinung...
Nach zehn Jahren wird das Daredevil Franchise endlich geläutert. Marvel's Daredevil ist um Länge besser als die Affleck Katastrophe aus dem Jahr 2003, aber einen Serien-Klassiker haben die Herren von Marvel und Netflix auch nicht geschaffen. Dafür bleibt der Hauptcharakter zu blass und einige Handlungsstränge sind langweilig bis sinnlos. Zumindest gibt man sich erfolgreich Mühe, die gewünschte Komplexität an Charakteren und Themen einzubauen. Wer allerdings ein Feuerwerk wie bei den Avengers in Serienform erwartet, wird enttäuscht. Alle anderen Marvel-Fans bekommen dennoch eine gute Serie geliefert.