Vom Paulus zum Saulus.

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Review | Kritik | Bewertung
Better Call Saul (2015)

Bewertung: 5,5 von 6
Studio: Netflix
www.netflix.com/Better-Call-Saul

Seit einigen Monaten mischt das Spin-off der Kultserie Breaking Bad nun schon die Serienlandschaft auf und könnte selbst bald zum Kult werden. Kritiker überschlagen sich, Fans sind begeistert, Netflix reibt sich die Hände. Denn Better Call Saul ist bei uns Netflix exklusiv. Da dürfte der ein oder andere Serienjunkie schon übergelaufen sein. Und warum auch nicht!? Die Serie von Mastermind Vince Gilligan steht der Originalserie in nichts nach. Sie bringt, wie es ein guter Ableger tun sollte, sogar noch mehr Substanz in das Original. Wer die Geschichte verfolgt, wie und warum aus dem unscheinbaren James „Jimmy“ McGill der genauso windige wie charismatische Anwalt Saul Goodman wird, der könnte gewiss auch Gilligan's vorheriges Werk mit etwas anderen Augen betrachten. Zumal der Scheinwerfer nicht nur auf Saul gerichtet wird, sondern auch die schattige Vergangenheit von Mike, einem weiteren Fan-Favoriten. Die Serie beginnt, wo Breaking Bad für Saul Goodman (Bob Odenkirk) aufhört: er muss wegen seiner Verstrickungen mit Walter White ein neues Leben anfangen. Statt seines Anwaltsbüros findet er sich in einer zweitklassigen Saftbar wieder, statt Luxusapartment in einer heruntergekommen Wohnung. Dort lässt er in Form von Videokassetten mit seinen alten Werbespots die glorreiche Vergangenheit wieder aufleben.


Es folgt ein Zeitsprung, der viel weiter zurück geht. Das fällt dem Zuschauer aber erst mal gar nicht so auf, weil sein Leben vor Goodman genauso leer und deprimierend war, wie das nach Goodman. Damals hieß er noch James McGill und kümmerte sich um seinen psychisch kranken Bruder Chuck (Michael McKean). Nebenbei verdingt er sich als schlecht bezahlter Pflichtanwalt und versucht (man höre und staune) nach einem moralischem Kompass zu handeln. Das läuft natürlich eher schlecht als recht, weshalb er sich bald auf krumme Geschäfte einlässt. Konflikte mit der Polizei und mit den örtlichen Drogenbossen folgen auf dem Fuß. Die ersten drei Folgen versucht Better Call Saul eine Brücke zu den alten Breaking Bad Fans zu schlagen. Während einer kleinen Betrügerei kommt Jimmy aus Versehen in Kontakt mit dem gefürchteten Drogenboss Tuco (Raymond Cruz) und dessen rechter Hand Nacho. Beinahe wäre er bei diesem Abenteuer als Leiche in der Wüste geendet, hätte er nicht sein außergewöhnliches Redetalent und seine nervtötende Hartnäckigkeit voll ausgespielt. Neben dem kurzen Gastauftritt von Tuco erinnert in diesem Abschnitt die gesamte Ästhetik an den großen Vorgänger. Die ungewöhnlichen Einstellungen, die nicht immer lineare Erzählstruktur und auch die scharf geschnittenen Szenen, welche die Brutalität des Geschehens untermauern. Trotzdem sind diese Folgen die schlechtesten, weil sie eben viel zu sehr an die Hauptserie erinnern und sich Better Call Saul noch nicht richtig emanzipiert.

movie-bettercallsaulDas ändert sich allerdings im Laufe der Staffel. Nach dem erfolglosen, fast tödlichen Ausflug in die Unterwelt widmet er sich wieder mit vollen Kräften seinen alltäglichen Aufgaben. Der Stil wird ruhiger, oft reflektiert er die Langeweile in Jimmy's Leben. Wer eine Fortsetzung des Feuerwerks erwartet, wird wohl eher enttäuscht. Trotzdem kann die Serie erst nach dieser kleinen Korrektur ihren ganz eigenen Charme entfalten. Jimmy versucht nämlich seine zahlreichen Problemen in den Griff zu bekommen ohne über Leichen zu gehen. Das ist mehr Drama und weniger Action, als bei Walter White, macht aber genauso viel Spaß! So muss Jimmy's älterer Bruder Chuck für seine Genialität im Justizbereich mit einer psychischen Störung bezahlen. Er hat panische Angst vor elektrischen Geräten, weshalb er sich von der Außenwelt vollkommen abschottet. Außerdem versucht ihn seine alte Kanzlei loszuwerden. Als Folge dessen schlägt sich Jimmy nicht nur mit den absurden Regeln und Wünschen von Chuck herum, sondern auch mit dessen alten Partnern. Als Anwalt versucht Jimmy neue Klienten zu gewinnen. Mit charmanten Tricksereien und einem losen Mundwerk bekommt er seinen Fuß in die Tür. Diese führt in ein Altersheim, wo er bald für die Belange von entrechteten Senioren kämpft und einen großen Fall an Land zieht. An anderer Front ist er noch lange nicht wie das Kunstprodukt Goodman. Er besitzt trotz seiner zwielichtigen Vergangenheit einen überraschend festen moralischen Kompass, der durch seinen Bruder noch gestärkt wird.

Außerdem hat er eine etwas komplizierte Beziehung zu der Anwältin Kimberly (Rhea Seehorn). Einerseits sind sie Konkurrenten, andererseits ist sie die einzige Person, die ihn versteht. Das romantische Knistern darf da natürlich nicht fehlen. Ein ganz besonderes Band besteht von Anfang an zwischen Jimmy und Michael Ehrmantraut (Jonathan Banks). Es beruht zu einem guten Teil auf dem Wissen des Zuschauers. Denn Mike sitzt eigentlich ganz unscheinbar in einem Häuschen für Parkplatzwächter. Da Jimmy dort öfter parkt, um ins Gericht zu gehen, kommt es zu den ersten kleinen Reibereien um das abgelaufene Ticket. Die Spannung entsteht dabei ganz subtil, weil ich weiß, dass Mike ein Killer ist. Im Laufe der ersten Staffel lernen wir die korrupte Vergangenheit des ehemaligen Polizisten kennen, wie auch sein Bemühen, zu seiner Schwiegertochter und seiner Enkelin eine Beziehung aufzubauen. Manchmal arbeiten die beiden Hauptcharaktere zusammen, aber im Großen und Ganzen gehen sie getrennte Wege. Mike's Vergangenheit wird also unabhängig von Jimmy betrachtet und am Ende der Staffel kann man mit Fug und Recht sagen, dass er die zweitwichtigste Figur von Better Call Saul ist, auch wenn er keine so große Veränderung durchlaufen wird wie Jimmy. Mike ist von der ersten Minute an der coole „Cleaner“, den wir aus der Hauptserie schon kennen.



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Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Sven Sauerhammer ist der Meinung...
Better Call Saul kann getrost das Serien-Pflichtprogramm dieses Frühjahres genannt werden. Obwohl die Serie weit weniger Gewalt bietet als Breaking Bad, kommt keine Sekunde Langeweile auf. Dank des großartigen Cast um Bob Odenkirk, kurzweiligen, witzigen Dialogen und der schlichten Neugierde des Zuschauers, wie zwei der beliebtesten Charaktere wohl waren, bevor sie auf ihre Nemesis White trafen, kann die erste Staffel ohne weiteres mit dem großen Bruder Breaking Bad konkurrieren. Ich jedenfalls kann die zweite Staffel kaum erwarten und stelle mich auf weitere großartige Serienunterhaltung ein.