Darf es etwas mehr The Wire sein?

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Review | Kritik | Bewertung
Orange Is The New Black - Season 3 (2015)

Bewertung: 5,5 von 6
Studio: Netflix
www.netflix.com/orange

Die Erfolgsserie Orange Is The New Black ging vor einigen Wochen in die dritte Season. Langsam aber sicher kommt man auch hierzulande auf den Geschmack einer Knastserie um das Sozialleben inhaftierter Frauen. Die üppige Werbekampagne dürfte jedenfalls dazu beigetragen haben. Zeitweise konnte ich mich nicht einmal umdrehen, ohne Werbeplakate zu sehen. Dabei wäre das für mich gar nicht nötig gewesen, war ich doch von den ersten beiden Staffeln bereits begeistert. Kritisierte ich an der zweiten Staffel noch den mangelhaften roten Faden in der Handlung und dass man sich zu oft in der Vergangenheit der Protagonistinnen verliert, statt eine gute Geschichte im hier und jetzt zu erzählen, werden diesmal die richtigen Geschütze aufgefahren. Sozialkritik an mehreren Fronten, ein paar anthropologische Betrachtungen zu Religion und Diktatur sowie Einblicke in die Psychologie von Gefangenen. Klingt eigentlich nach schwerer Kost. Doch die Macher um Jenji Kohan weben diese Themen so spannend in die dramatischen Werdegänge der Figuren ein, dass man die Serie auf eine Stufe mit The Wire heben muss.


Wie es sich für eine moderne Serie gehört, gibt es eine Fülle an interessanten Figuren, die in unterschiedlichsten Beziehungen zueinander stehen. Die ursprüngliche Hauptfigur Piper Chapman (Taylor Schilling) ist mittlerweile voll integriert in den Gefängnisalltag. Sie hat ihren Platz gefunden und ihre Mittelschicht-Allüren verloren. Das bekommt als erstes ihre Ex-Geliebte Alex (Laura Prepon) zu spüren. Die wollte sich aus dem Gefängnis freikaufen, indem sie ihren alten Boss verrät und Piper hängen lässt. Das hat leider nicht sonderlich gut geklappt, weshalb sie wieder in Litchfield landet und zunächst als „Snitch“ geschnitten wird. Darüber hinaus muss sie den Racheakt ihres alten Arbeitgebers fürchten. Inzwischen kommen sich Red (Kate Mulgrew) und ein Angestellter näher, Daya (Dascha Polanco) muss den Alltag hinter Gittern mit ihrer Schwangerschaft unter einen Hut bringen, während ihre Mutter Aleida (Elisabeth Rodriguez) mit ihrer giftigen Art keine große Hilfe ist. Daneben wird geschildert, wie sich frustrierte Geister ihren eigenen Kult zusammen reimen und wie man gekonnt einen Schmugglerring aufbaut. Es gibt also wieder reichlich Stoff für den Serienjunkie. Aber es existiert diesmal auch einen klarer roter Faden. Litchfield soll geschlossen werden. In einem verzweifelten Versuch wendet sich Leiter Caputo (Nick Sandow) an eine Firma, die mehrere Gefängnisse betreibt. Diese Entwicklung hat weitreichende Folgen für das Gefängnis.

movie-orangeisthenewblackseason3Wie schon The Wire vor ein paar Jahren beginnt Orange Is The New Black eine Entwicklung zu dokumentieren, die in den USA seit Jahren von statten geht und für viele Kontroversen und Debatten sorgt: Die Folgen der Privatisierung von Haftanstalten nicht nur für die Insassen, sondern für die gesamte Gesellschaft. Kohan's Serie überrascht dabei sowohl mit Weitblick, als auch mit einem Auge für Details. Um Kosten zu sparen, werden einerseits Arbeitszeitkürzungen für die erfahrenen Wärter eingeführt, während andererseits vollkommen untauglicher, schlecht ausgebildeter Ersatz angeheuert wird. Das führt zu einer Reihe von Problemen, von überzogener Gewaltanwendung bis hin zur Tatenlosigkeit bei Gewaltausbrüchen unter den Häftlingen. Da die neue Gefängnisverwaltung aber den Schein aufrecht erhalten will, dass alles in Ordnung wäre und sie patent genug ist, eine solche Aufgabe zu übernehmen, wird alles versucht, diese Dinge unter den Teppich zu kehren. Nur einer der behandelten Problemstränge. Schonungslos wird dargestellt, wie ein bürokratisch kapitalistischer Apparat ohne die geringste Rücksicht auf die Insassen Profit aus der Institution quetscht. Leidtragende sind da natürlich die Insassen. Die transsexuelle Sophia Burset (Laverne Cox) wird von heute auf morgen zur Außenseiterin. Bei einigen Angriffen auf ihr Leben stehen die Wärter nur daneben. Als sie deshalb Konsequenzen fordert, beschließt die neue Geschäftsführung, sie auf unabsehbare Zeit ins Loch zu sperren, damit sie keinen weiteren Ärger mehr machen kann. Weder die Wärter noch die Mithäftlinge - die sie seit Jahren sowohl kennen als auch schätzen - wissen, dass dies lediglich passiert, weil sie es gewagt hatte, die Umstände anzuprangern.

Das ist sicher das extremste Beispiel für die Folgen der Privatisierung, aber auch der Rest muss schnell feststellen, dass sich einiges ändert... Von einem Sklaven ähnlichen Dasein als Näherinnen von Frauenhöschen, bei dem zumindest Piper ihren Schnitt macht, über ungenießbares Essen und überfüllte Schlafsäle, bis hin zu Wärtern, die um einen gerechten Lohn und die Anerkennung ihrer Arbeit kämpfen. Die Thematik wird weder trocken noch hochkompliziert erzählt. Stattdessen sind wir wie in den beiden vorangegangenen Staffeln nahe bei den Figuren. Die für Orange Is The New Black charakteristischen Rückblenden werfen nicht nur einen spannenden Blick in die Vergangenheit der Protagonisten. Sie sorgen für Verständnis für die eine oder andere Entscheidung, sogar für die wirklich dummen - und von denen gibt es viele! Indem die dritte Staffel auch verstärkt die Gefängniswärter ins Boot holt, zeigt sie nur noch mehr, dass alle im selben sitzen. Die Trennwand zwischen den beiden Schichten wird weiter aufgeweicht und es kommen die engen Bande ans Licht, die zwischen Wärtern und Insassen im Laufe der Jahre geknüpft wurden. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass dieser Umstand wohl so bleiben wird, denn den negativen Folgen der Gefängnisprivatisierung können nur beide Parteien gemeinsam entgegenwirken. Dieses Thema wird sicher auch in den nächsten Staffeln der Serie ein Schwerpunkt sein und solange die Drehbuchautoren all das weiterhin so spannend erzählen, sollte man auf jeden Fall dran bleiben.



redakteur-sven

Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Sven Sauerhammer ist der Meinung...
The Wire steht ohne Zweifel auf dem Serien-Olymp. Ich bin mir also voll bewusst, dass ich die dritte Staffel von Orange Is The New Black mit einer der ganz großen Serien der letzten 15 Jahre vergleiche. Aber diesen Vergleich hat sich die Gefängnis-Serie redlich verdient. Der Alltag wird realistisch mit herausragenden Schauspielern dargestellt. Themen wie die Privatisierung von Gefängnissen, der Bildung von Kulten und der Suche nach ein wenig Anerkennung werden leicht verständlich und unterhaltsam erzählt, ohne große Abstriche bei der Komplexität zu machen. In dieser Form habe ich das eben seit The Wire nicht mehr gesehen. Wenn Netflix seine Serie weiter in diese Richtung segeln lässt, wird Orange Is The New Black selbst bald auf dem Serienolymp Platz nehmen.