Gothic 3 in der Karibik.

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Review | Kritik | Bewertung
Risen 3: Titan Lords (2014)

Bewertung: 3,5 von 6
Hersteller: Deep Silver
www.risen3.deepsilver.com

„Aber das, was mir da mit seiner hässlichen Fratze entgegenblickte, überstieg meine kühnsten Vorstellungen.“ Ein Zitat des namenlosen Helden. Es ist erst der zweite oder dritte Satz, den er in diesem Piratenspiel sagt. Doch passender hätte man die Konsolen-Version des neusten Werks der Gothic Macher kaum zusammenfassen können. Eine visuell grauenhafte Umsetzung überschattet den eigentlich soliden Adventure-Spaß und zieht das Erlebnis konsequent in den Keller. Sofort werden Erinnerungen an die Schrecken von Gothic 3 wach, wo eine der innovativsten Rollenspiel-Serien gnadenlos gegen die Wand gefahren wurde. Ganz so schlimm ist es um Risen 3: Titan Lords nicht bestellt, denn immerhin scheint das karibische Flair auf dem PC technisch zu überzeugen. Die hier getestete PS3-Version kann ich aber niemandem empfehlen, außer er möchte eine kompakte Sammlung der gelungensten Grafik-Missstände erwerben.


Bleiben wir direkt bei diesem Punkt, weil er wirklich alles andere überschattet. Normalerweise schaue ich über eine schlechtere Grafik-Qualität auch mal hinweg, wenn das Gameplay dafür punkten kann. Aber hier ist es nicht einfach nur die Qualität, es ist die technische Umsetzung und das steht dann doch auf einem etwas anderem Blatt. Schon die ersten Bilder verursachten bei mir ungläubiges Starren. Die wilde Kamerafahrt über das Deck meines Piratenschiffes offenbart ein hässliches Kantenflimmern, das auch im weiteren Verlauf des Spiels allgegenwärtig ist. Es folgt Tearing vom Feinsten! Keine Minute vergeht, in der mein Bild nicht zerreißt oder ruckelt. Das behindert letztlich auch den Spielfluss enorm. Die eigentlich unzumutbaren Fade-ins sind dagegen leicht verdaulich. Wenn Grasbüschel vor meinen Augen aufploppen, ist das normalerweise kein großes Problem. Wenn sich dies aber durch einen sekundenlangen Pixelberg andeutet und es in jedem Bild gleich mehrere gibt, sieht das ganz anders aus. Fast schon zu vernachlässigen sind da die „üblichen“ Grafiksünden, wie matschige Texturen, die gerne mal verschmieren oder unverhofft verschwinden, wenn mein Pirat aus einer Wassertonne trinkt. Auch die pixeligen Schattenränder fallen in dem Bug-Wirrwarr nicht mehr groß auf. Obendrauf gibt es noch einige der schlimmsten Wassereffekte, die ich jemals gesehen habe.

game-risen3Zur Erinnerung: Risen 3: Titan Lords spielt in einem karibischen Setting. Wasser ist dort allgegenwärtig! Daneben gibt es holprige Animationen und Bildraten-Stottern bis hin zum vollkommenen Stillstand bei den automatischen Speicherungen. Der traurige Höhepunkt des technischen Desasters: Mein Charakter tritt in eine Pfütze, verschwindet auf einmal vom Bildschirm und nach einem kurzem Kampf als Unsichtbarer stürzt das Game ab. Ich wünschte, das wäre nur eine Ausnahme gewesen, doch solche kuriosen Abstürze kommen häufiger vor. Was mich an dem ganzen Debakel zusätzlich ärgert: eigentlich sieht man dem Spiel an, dass die Grafik doch einiges hermachen könnte. Erwischt man den richtigen Kamerawinkel, sieht die Wasseroberfläche recht gut aus. Der karibische Flair wird mit einer üppigen Vegetation und belebten Spielwelt unterstrichen. Bunte Papageien, Fischschwärme, Schmetterlinge oder freche Äffchen sorgen für die richtige Stimmung. Diese sind auch - im Gegensatz zu den Charakteren - sauber animiert. Ich kann beispielsweise kleine Rundflüge als Papagei machen oder ein Äffchen auf Diebeszüge schicken. Das waren kleine Höhepunkte. Auch sonst hat Risen 3 einiges zu bieten, was zwar meistens weit weg ist von der Perfektion, für ein kurzweiliges Abenteuer aber vollkommen ausreicht. Wenden wir also unsere Augen schweren Herzens von den technischen Mängeln ab und betrachten einmal die restlichen Aspekte des Piraten-Abenteuers.

Ich spiele einen namenlosen Piratenkapitän, der mit seiner Schwester Patty einen Schatz an der Krabbenküste heben will. Statt Gold zu bekommen, verliert er seine Seele an einen Schattenlord. Seine Crew begräbt ihn, wie es sich gehört. Drei Wochen später kommt ein seltsamer Kauz namens Bones daher und belebt ihn wieder. Als seelenloser Pirat muss ich jetzt den Kampf gegen die Schatten aufnehmen, welche das Insel-Archipel bedrohen, um so meine Seele wieder zu bekommen. Klingt nach gewohnter Kost und krankt auch an den üblichen Dingen. Die Haupthandlung bringt nur wenig Spannung, die Dialoge sind oft zu lang und trocken. Etwas Abwechslung bringt die ruppige Sprache. Was dagegen vollkommen versäumt wurde, ist eine akkurate Einbindung des Plots in das Spielgeschehen. Weder sieht mein Charakter wie ein Wiederbelebter aus, noch scheinen sich meine Mitmenschen groß zu wundern. Ich muss auch nichts Spezielles tun, um meine Existenz zu sichern. Ein paar Voodoo-Opfer zum Erhalt meines zerfallenden Körpers wären hier nicht nur inhaltlich naheliegend, sondern auch spielerisch reizvoll gewesen. Einzig in die Totenwelt kann ich reisen, indem ich ein Nickerchen in meiner Koje mache. In dieser Zwischenwelt gibt es allerdings auch nichts Aufregendes zu sehen. Ein paar Nebenquests lösen und etwas Seelenstaub finden, das war es schon. Weder ist das für die Geschichte zwingend notwendig, noch bin ich gezwungen, diese Parallelwelt zu betreten. Einfach die Schlafstätten meiden und man wird damit nicht belästigt.

game-risen32Einzig der Seelenstaub kann hilfreich sein, weil ich mit ihm meine Menschlichkeit – eine wichtige Grundlage des Moralsystems in Risen 3: Titan Lords - steigern kann. Schade nur, dass dieses Moralsystem völlig sinnfrei ist. Gedacht war wohl, dass sich mein Charakter durch nettes Verhalten und Hilfsbereitschaft seinem dämonischem Schicksal etwas entziehen kann. Leider wird das an mehreren Punkten ad absurdum geführt. Zunächst einmal kann ich mich mit besagtem Staub freikaufen. Eines meiner Crewmitglieder gibt mir für fünf Staubsäckchen zwei Boni-Punkte auf meine Menschlichkeit. Noch abstruser ist, dass meine Taten keinen Einfluss auf die Moral haben, egal ob ich beim Stehlen erwischt werde oder Kneipengänger umhaue. Nur in Dialogen kann ich Plus- oder Minuspunkte sammeln. Solange ich also lieb daherrede, kann ich mich ansonsten Aufführen wie eine Wildsau. Sehr Moralisch ist das nicht. Einem ähnlich seltsamen System unterliegt das Verhalten der Inselbewohner. Meistens kann ich Items vor den Augen ihres Eigentümers stehlen und bekomme nur einen flapsigen Kommentar. Werde ich zu meiner Überraschung in den Häusern doch angegriffen und niedergestreckt, muss ich nicht unbedingt neu laden, sondern warte ein paar Sekunden, bis der untote Piratenkapitän von selbst wieder aufsteht. Dabei verliere ich ein paar Ruhmespunkte, deren Betrag kaum der Rede wert ist. Sollte ich im Kampf jemanden töten, ist das auch kein Problem. Dahingemetzelte NPCs gelten nur als ohnmächtig und stehen nach kurzer Zeit wieder auf. Gut, das kann man machen, immerhin muss die Handlung ja weitergehen. Dass sie meine Attacken aber vergessen und nach dem Blutbad alles seinen gewohnten Gang geht, wirkt unglaubwürdig.

Aber auch hier setzt Risen 3 noch einen drauf. So wurde ich in einer Situation beim Stehlen nicht nur erwischt, sondern auch attackiert. Während ich meine Angreiferin bekämpfe, kommt ihr Bruder um die Ecke. Aber statt seiner Schwester zu helfen, feuert er mich glatt an! Als Entschädigung ist die Welt von Risen 3: Titan Lords immerhin frei begehbar. Da ist es auch kein Wunder, dass man schnell mit allerlei Nebenaufträgen überschüttet wird. Während die Hauptmissionen kaum Neues bieten, können einige Nebenmissionen durchaus punkten. Als Voodoo-Priester muss ich andere Charaktere mit Hilfe einer Puppe übernehmen, ich suche ganz klassisch nach vergrabenen Schätzen oder helfe dabei, die Versorgung mit Rum zu sichern. Oft muss ich für einen erfolgreichen Abschluss mehrere Aufgaben hintereinander erledigen, die schön miteinander verzahnt sind. Etwas seltsam ist aber, dass ich Aufträge schon erledigen kann, bevor ich darum gebeten wurde. Da finde ich Kräuter oder erledige ein paar Skelette und auf einmal bekomme ich Ruhm (Erfahrungspunkte). Nur habe ich den Auftraggeber dafür noch gar nicht gefunden, weshalb es auch noch keinen Eintrag in meinem Journal gibt. Ein weiterer gravierender Logikfehler. Werfen wir noch einen Blick auf das Kampfsystem. Man kann es sich ja denken, auch hier wurde gepatzt. Meine Standardwaffe ist ein Schwert, Degen oder eine Keule, mein Standardangriff ist ein Dreierkombo. Ich kann meine Angriffe aufladen, um mehr Schaden zu verursachen. Einen Block und eine Ausweichrolle gibt es obendrauf, Konter kann ich erlernen. Das klingt erst einmal nicht so kompliziert, trotzdem stellen die ersten Kämpfe ein echtes Hindernis dar. Ich muss etwas mit dem richtigen Timing experimentieren, auch das gegnerische Verhalten muss beobachtet werden.

game-risen33Bei großen Gegnern teile ich stärkere Schläge aus, muss gleichzeitig aufpassen, dass sie mich nicht erwischen, weil ein Block oft nicht wirkt. Kleinere Gegner bedürfen schnelleren Schlägen. Abwechslung bringen Musketen und Schrotflinten als alternative Hauptwaffen und diverse Nebenwaffen wie Pistolen oder Wurfdolche für den schnellen Einsatz. Habe ich mich damit angefreundet, ist der einzig verbleibende ernstzunehmende Gegner die Kamera. Die Macher haben vergessen eine Funktion zum Anvisieren einzubauen. Deshalb verliere ich meine Feinde ständig aus dem Blickfeld und muss die Perspektive nachjustieren. Ein weiterer Nachteil: da die Bösewichte meist in Gruppen auftreten, wechselt mein Held automatisch das Angriffsziel. Luftlöcher und unnötige Hektik sind damit vorprogrammiert. Als Sieger gehe ich meistens trotzdem hervor. Anfangs hilft mein Gefährte kräftig mit. Oft reicht es, wenn ich ausweiche und blocke, die tödlichen Schläge erledigt er. Nach ein paar Stunden Spielzeit braucht mein Charakter diese Hilfe nicht mehr, weil er selbst stark genug ist. Die Ausrüstung bleibt zwar eine teure Angelegenheit oder muss erst gefunden werden, aber das Skill-System bietet eine Fülle an Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln. Neben dem üblichen Investieren in verschiedene, bekannte Fähigkeiten, kann ich neue Fähigkeiten und meine Standardwerte bei Lehrern gegen Gold aufwerten. Ich finde diverse legendäre Items und Kräuter, die meine Werte steigern und ich kann Tränke für eine dauerhafte Steigerung brauen.

Diese Vielzahl an Optionen ist lobenswert, nur meine Gegner bleiben leider größtenteils dieselben. Während ich mich fleißig steigere, verkommen die Riesenechsen langsam zu übergroßen Blindschleichen, die ich mit drei Schlägen beseitige. Ähnliches gilt für die Schattenlords. Der Erste war noch eine Gefahr, der Zweite eine Herausforderung, der Rest eher ein zeitraubendes Ärgernis. Zu guter Letzt bietet Risen 3: Titan Lords dennoch einen ganz großen Pluspunkt, der vieles verschmerzen lässt. Die fünf Inseln bieten genug Raum zum Entdecken der verschiedensten Pflanzen, Erze, Kristalle und was es sonst noch so alles gibt. Dank der Möglichkeit, die aggressive Tierwelt umfangreich zu häuten und auszuweiden, habe ich immer einen Grund, mich in die Kämpfe zu stürzen. All das Rohmaterial kann ich dann für Tränke, Schmuck und anderen magischen Krimskrams verwenden. Das geht zwar über den üblichen Standard nicht hinaus, motiviert aber zum Weiterspielen. Die Aufteilung in die Inselareale hat außerdem den netten Nebeneffekt, dass man die große Welt nicht auf einen Happen schlucken muss, sondern ihre Abenteuer Stück für Stück genießen kann. Dadurch wird die Freiheit nicht zur Bürde, wie es im The Elder Scrolls Universum gern mal vorkommt.



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Zusammenfassung Review | Kritik | Bewertung

Sven Sauerhammer ist der Meinung…
Sicher hat Risen 3: Titan Lords mehr Fehler als nur die technischen. Unglaubwürdige Charaktere und eine lahmende Story sorgen kaum für dramatische Spannung. Die Kämpfe werden trotz der Hektik im Laufe der Zeit viel zu einfach. Moralsystem und nachvollziehbares NPC-Verhalten existieren eigentlich nicht. Trotzdem kann man ein paar spaßige Stunden in der riesigen Piratenwelt erleben. Gibt es doch überall etwas zu entdecken, zu sammeln, zu bekämpfen und sogar zu lachen, wenn mal ein markiger Spruch kommt. Die offene Welt und die vielfältige Charakterentwicklung lassen die Herzen von Rollenspiel-Fans zusätzlich höher schlagen. Bis hierhin wäre Risen 3 trotz seiner Fehler ein gutes Spiel gewesen. Da ich mich aber mit der PS3-Version herumschlagen musste, kann ich nicht höher werten und muss Konsolenbesitzern von einem Kauf beinahe abraten. Auch wenn es sich um die auslaufende Konsolen-Generation handelt, hat eine solche Behandlung kein Spielerauge verdient.

Preisvergleich: Risen 3: Titan Lords