Die Gesetze des Mainstream.

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Kelly Clarkson - Piece By Piece (2015)

(2,5/6) Kelly Clarkson erzählte in mehreren Interviews, dass sie während ihrer Schwangerschaft leider nicht singen konnte, da sie zu jener Zeit keine Stimme hatte. Glücklicherweise ist jetzt davon nichts mehr zu bemerken. Ihre Stimme ist wieder perfekt in Szene gesetzt, wie man es von der Siegerin der ersten Staffel von American Idol gewohnt ist. Die Texanerin, die sich im Laufe ihrer inzwischen mehr als 10-jährigen musikalischen Karriere einen Namen machen konnte, bringt mit Piece By Piece bereits ihr siebtes Album auf den Markt. Wenn man die junge Sängerin in den letzten Jahren ein wenig verfolgt hat, dann konnte man schon beinahe den Eindruck gewinnen, dass man eine „Miss Perfect“ vorgesetzt bekommt. Und dennoch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier einfach nur realisiert wird, was man über die Jahre lernen durfte beziehungsweise was ein solches Talent auch einfach kann.


Es wirkt auf mich manchmal wie mechanisches Abspielen, mir fehlt bei diesem Release beinahe durchgängig der Moment, in dem es mich packt. Kelly Clarkson arbeitet einmal mehr mit ihrem angestammten Team zusammen und so bekommt man eine Platte mit mittelmäßigen Popsongs, die alle einen Touch 80er Jahre und mehr oder weniger spektakuläre Soundeffekte aufweisen. Tightrope kann man aber dennoch als Ausnahme anführen. Das Klagelied schafft es zumindest ansatzweise, mich als Hörer zu fesseln. Trotzdem muss ich am Ende sagen, dass Piece By Piece insgesamt für mich eine Enttäuschung ist. Selbst wenn der Heartbeat Song ansatzweise lobenswerten Ohrwurmcharakter besitzt und Tightrope dann doch noch Seele beweist, muss ich für mich feststellen, dass es sich hier um ein handwerklich gut gemachtes Album handelt, das sich letztlich aber zu wenig lebhaft zeigt. Nachdem wir aber alle wissen, dass es die Amerikanerin besser kann, warten wir gespannt auf das nächste Album und hoffen auf altbekannten emotionalen Tiefgang und die notwendige Überzeugungskraft.
- Nicola Scheidler | www.kellyclarkson.com

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Judas Priest - Defenders of The Faith (2015)

(5/6) Es ist mal wieder Zeit in Nostalgie zu verfallen, denn Judas Priest veröffentlichen ein Jahr nach dem 30. Geburtstag von Defenders of The Faith eine spezielle Anniversary Edition, die es wahrlich in sich hat. Neben dem digital aufbereiteten Original-Album aus dem Jahre 1984 enthält die Auflage auch ein Live-Doppelalbum, aufgezeichnet im Mai 1984 in der Long Beach Arena in Kalifornien, während der damaligen Tour. Zugegebenermaßen erweist sich Defenders of The Faith für mich nicht unbedingt als das große Aushängeschild der britischen Heavy Metal Legenden, jedoch gilt es gerade bei Insidern als eines der am meisten unterbewerteten Alben der Judas Priest Diskographie. Vollkommen zurecht, denn Songs wie Jawbreaker, Rock Hard Ride Free und Eat Me Alive sind absolut zeitlos und über jeden Zweifel erhaben.

Was mitunter auch an Sänger Rob Halford liegt, der sich aufgrund seiner facettenreichen, markanten Stimme den Beinamen „Metal God“ verdiente. Eigentlich fällt es mir bei Re-Releases immer schwer, eine Kaufempfehlung auszusprechen, da diese im Normalfall wenig Neues bieten können. Zudem wirken die Originalveröffentlichungen authentischer und sind noch dazu deutlich preiswerter. Defenders of The Faith in der 30th Anniversary Edition aber ist allein schon wegen der bereits erwähnten Doppel-Live-CD sein Geld wert. Den Hörer erwartet dabei Judas Priest in Bestform. Der Sound ist überraschend gut erhalten, die Songauswahl beeindruckend, enthält diese doch neben den zahlreichen Album-Titeln auch diverse große Hits wie Breaking The Law oder Living After Midnight. Wer also Defenders of The Faith noch nicht sein Eigen nennt, sollte jetzt besser zugreifen.
- Johann Höng | www.judaspriest.com

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Betontod - Traum von Freiheit (2015)

(3,5/6) Wie schnell man seine Überzeugungen über Bord werfen kann, wenn ein großes Label anklopft, zeigen uns ganz aktuell die Punk-Rocker von Betontod. Alle bisherigen Veröffentlichungen sind entweder Eigenproduktionen oder bei kleinen Labels wie etwa Nix-Gut Records oder Impact Records erschienen. So haben sich die Rheinberger seit der Bandgründung 1990 getreu ihrem im Jahre 2011 verfassten Motto „Wir scheißen auf den Mainstream“ (Textzeile aus dem Lied Keine Popsongs) von Konzert zu Konzert gespielt und sich so in Insiderkreisen eine kleine aber treue Anhängerschaft zugesichert. Mit dem überraschenden Erfolg des 2012er Werks Entschuldigung für Nichts war es aber nur eine Frage der Zeit, bis die Gewissensfrage eines großen Labels gestellt wird. Columbia tat dies und bekam die Antwort, die sie erhofften.

Traum von Freiheit heißt das erste Produkt dieser Vereinigung und führt Betontod genau in die Gefilde, die sie vor weniger als vier Jahren noch wenig erstrebenswert fanden. Zusammen mit Produzent Vincent Sorg, der auch bei Bands wie den Toten Hosen oder In Extremo an den Reglern sitzt, haben die Jungs um Sänger Oliver Meister zwölf Songs aufgenommen. So ist es wohl auch nicht verwunderlich, dass Betontod anno 2015 mehr denn je wie die Band von Campino klingt. Früher gerne mal auf Krawall gebürstet (Hier kommt Ärger, 1999), gehen die Nordrhein-Westfalen unangenehmen Themen nahezu komplett aus dem Weg. Beim Titelsong Traum von Freiheit, der meiner Ansicht nach zu den stärksten Stücken des Albums zählt, kommt zwar etwas die Auflehnung gegen die gesellschaftliche Schieflage durch, jedoch werden diese vereinzelten Höhepunkte, zu denen auch Flügel aus Stahl zählt, durch 08/15-Kommerz-Pop-Punk wie etwa Mein letzter Tag oder Für immer verwässert. Traum von Freiheit ist ein gefälliges Pop-Rock-Album geworden, das den geplanten Erfolg haben wird. Die Fans vergangener Punk-Zeiten werden jedoch enttäuscht zurück bleiben.
- Johann Höng | www.betontod.de