Verrückt im positiven Sinne.

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Guy Sebastian - Madness (2015)

(4,5/6) Was seine musikalische Karriere betrifft, steckt der Australier Guy Sebastian beim besten Willen nicht mehr in den Anfangstagen. Sein erstes Album Just As I Am liegt nun schon 12 Jahre zurück und wurde unmittelbar nach seinem Gewinn der Castingshow Australian Idol veröffentlicht. Auch der Nachfolger brachte ihm Erfolge ein, bis es nicht mehr ganz so rund lief für den sympathischen Sänger mit dem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Dass er seine Heimat in der diesjährigen Ausgabe des Eurovision Song Contest in Wien vertreten durfte und dabei einen lobenswerten fünften Platz ergatterte, verdankt Guy Sebastian dem niemals verlorenen Glauben an sich selbst. Auch an regelmäßigem Output mangelte es dem 33-jährigen Talent eigentlich nie, denn mit dem aktuellen Release Madness ziert seine Diskographie bereits vier Titel in Albumlänge. Nichtsdestotrotz musste er sich wieder nach oben kämpfen, wird durch die Teilnahme am ESC 2015 womöglich erst jetzt einem breiteren Publikum bekannt sein.


Was mitunter erklärt, warum Madness (im November 2014 in Australien veröffentlicht) ein halbes Jahr später auf den deutschen Markt kommt. Ist es verrückt, alles zu geben und nichts dafür zu bekommen/erwarten? Manche bezeichnen es vermutlich so (siehe Titeltrack), aber Guy Sebastian nennt es schlichtweg Liebe. Das sofort ansteckende Mama Ain't Proud mit 2 Chainz ist dann eine klassische R'n'B/HipHop-Tanznummer, wie man sie beispielsweise in den erfolgreichen Step Up Filmen vorfinden würde. Pure Lebensfreude. Nur manchmal muss man situativ eben auch mal die Wahrheit sagen, selbst wenn man damit wie ein Elephant im Porzellanladen auf Gefühlen herumtrampelt. Mit Alive stimmt der australische Sänger ein weiteres Lobeslied auf das Leben an. Die stärkeren Nummern des Albums haben anscheinend, wie bei Light And Shade, immer ein Rap-Feature (hier Lupe Fiasco), wobei sich Guy Sebastian nicht in den Hintergrund drängen lässt. Meistens trumpft er im zweiten Teil eines Songs mit seiner außergewöhnlichen Stimme auf, kann es aber auch zu reduzierter Musik mit wahnsinnig viel Gefühl (One of Us). Weitere abwechslungsreiche Anspieltipps auf Madness sind Lightning sowie Animal In Me. Acht Punkte von mir für Australien.
- Alexander Riede | www.guysebastian.com

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Jay Jay Johanson - Opium (2015)

(1/6) Opium fürs Volk! Die Erfindung der Langsamkeit und mit ihr aufkommende Langeweile findet offiziell einen neuen Höhepunkt. Ich gebe offen zu, dass ich schon lange kein Album mehr auf dem Tisch hatte, bei dem es mir dermaßen schwer gefallen wäre, bis zum Ende durchzuhalten. Das komplette Release von Jay Jay Johanson ist melancholisch, schwermütig getragen. Man hat beinahe das Gefühl, das gesamte Leben läuft in Zeitlupe ab. Insofern finde ich den Titel des Albums immerhin gut gewählt. Für mich ist es mit diesem Werk aber wie mit französischen Filmen: ich bekomme einfach keinen Zugang und kann die Gefühle, die man zum Ausdruck bringen möchte, zwar grob erahnen, aber mich ergreift nichts davon.

Die Texte sind wenig anschaulich und die musikalischen Arrangements haben für mich keinen erkennbaren positiven oder negativen Touch - sie besitzen einfach nichts. Ich bin mir fast sicher, dass der schwedische Musiker absolut authentisch ist und alles auch genau so fühlt, was er auf Opium zum Ausdruck bringen will. Nur was ist das letztlich wert? Wenn ich den Sound der Platte versuche zu beschreiben, dann würde ich wohl sagen: das Ergebnis klingt wie eine Vorlesung über Banalitäten, nur eben gesungen. Bei Opium handelt es sich sicherlich um ein absolutes Nischenprodukt. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und auch Jay Jay Johanson wird Liebhaber dieser Ausdrucksform finden, allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass dieses Album in irgendeiner Beziehung zu den Charts oder einer erfolgreichen Karriere steht.
- Nicola Scheidler | www.facebook.com/jayjayjohanson

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Seth Sentry - Strange New Past (2015)

(3,5/6) Kommen wir zu einem weiteren Talent aus Down Under. Wenn sich ein in Interviews grundsätzlich entspannt wirkender Zeitgenosse wie Seth Sentry nicht gerade von seinen Videospielkonsolen ablenken lässt, ausreichend Coffein zu sich genommen hat und seine Zettelwirtschaft an teilweise genialen Lyrics beisammen hält, begeistert der australische Rapper beinahe mühelos seine Fans. Die etwas älteren Songs Float Away und Dear Science wurden auf YouTube zusammengenommen bereits über 1,3 Millionen Mal angeklickt und auch sein 2014 erschienenes Debütalbum mit den Namen This Was Tomorrow brachte ihm (zumindest in seiner Heimat) eine positive Reputation ein. Der Rest der Welt beginnt Seth Sentry erst nach und nach wahrzunehmen und HipHop Heads, die sich nur allzu gerne – was den Sound betrifft – in die guten alten Neunziger versetzen lassen, werden seinen Zweitling Strange New Past schnell lieben lernen. Unterstützt von Styalz Fuego (der bereits US-Künstler wie Chamillionaire produzierte) bietet der Longplayer insgesamt 13 ideenreiche und gleichermaßen humorvoll verspielte Tracks, bei denen man inhaltlich schon genauer hinhören sollte.

In erster Linie gibt Seth Sentry viel von seiner Persönlichkeit preis und schwelgt phasenweise in Erinnerungen – wenn auch nicht nur in guten. Die Begrüßungsfloskel How Are You beginnt vergleichsweise harmlos und zurückhaltend, wie der Vorspann eines Films. Auf Run überzeugt Seth Sentry dann mit lässiger Attitüde, einer schönen Reimdichte und lockerem Flow über den Beat. Hier ist ein wahrer Wortakrobat am Werk. Nobody Like Me könnte ich mir locker 20 mal hintereinander anhören und wäre immer noch heftig am Kopfnicken. Der vermeintlich stärkste Track des Albums, nur lohnt es sich, dafür das komplette Werk zu kaufen oder sollte man sich diesen einen Song lieber als digitalen Download sichern? Die folgenden Nummern auf Strange New Past sind grundsätzlich souverän vorgetragen aber irgendwo mangelt es immer an einer kleinen Komponente, dem berühmten Puzzleteil. Es gibt jene Alben, die entwickeln sich erst nach einer Weile zu etwas Großem. Diesmal glaube ich allerdings, stellt sich ein solches Phänomen nicht ein.
- Alexander Riede | www.sethsentry.com