Mehr als eine multimediale Entertainment-Station.

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Testbericht:
Microsoft Xbox One (2014)

Next-Gen-Konsole

Ein schwarzer Kasten. So stellt sich mir die Microsoft Xbox One beim ersten Anblick dar. Mein Auge ist nicht sonderlich entzückt. Noch nicht, denn es kommt selbstverständlich auf die inneren Werte des Entertainment-Klotzes an. Acht-Kern-Prozessor, 8 Gigabyte Arbeitsspeicher, 500 Gigabyte Festplatte und viele andere technische Details wirken für den Konsolen-Nerd schon deutlich attraktiver. Für den Otto-Normal-Spieler sind das eher kryptische Daten, mit denen er nicht viel anfangen kann und eigentlich auch nicht muss. Für ihn ist viel interessanter, ob die Xbox One sein Leben unterhaltsamer macht ohne dabei Frust durch eine allzu komplizierte Bedienung aufkommen zu lassen. Auch wenn der schwarze Kasten selbst optisch nicht viel hermacht, versorgt er meinen Fernseher wenigstens mit berauschenden Bildern? Das ist immer eine der ersten Fragen, die nicht nur von Gamern gestellt wird. Wie sieht es mit der Grafikleistung der Konsole aus?


Die Erfahrung liefert bei diesem Punkt schnell Vorurteile. Immerhin war die Leistung der PS3 hier besser als die der Xbox 360. Dieses Wissen überträgt man gern auf die neue Generation, doch schnell wird vergessen, dass damals die PS3 ein Jahr nach der Xbox 360 in die Läden kam und so auf neuere Technik zurückgreifen konnte. Trotzdem kursierten schon vor dem Verkaufsstart der Microsoft Xbox One leise Gerüchte über ihre angeblich viel geringere Leistungsfähigkeit. Die ersten Spieletitel zeigten auf diesem Gebiet aber keinerlei Schwäche. Mit Ryse: Son of Rome oder Forza Motorsport 5 wurden die grafischen Muskeln von Microsoft's Flaggschiff ordentlich gedehnt. Richtig zum Einsatz werden sie aber erst in den nächsten Jahren kommen, wenn die Entwickler anfangen, die technischen Möglichkeiten der Konsole voll auszuspielen. Gerade die vergangenen zwei Jahre zeigten eindrucksvoll, was man aus der vorherigen Konsolengeneration noch alles herauskitzeln kann. Die Next-Gen braucht eben noch etwas Zeit, um sich warm zu laufen, erst dann kann man in etwa abschätzen, wer tatsächlich vorne liegt. Bereits abgehängt wurden allerdings die Titel der alten Generation. Die neuen Konsolen können mit den alten Datenträgern nichts anfangen. Wer seine gesammelten Spiele weiter nutzen will, muss also die alten Konsolen bestenfalls in greifbarer Reichweite haben. Praktischerweise könnt ihr Eure alte Xbox 360 direkt an die Xbox One anschließen.

test-xboxone4Hier ist Microsoft eine Nasenlänge voraus. Die umfangreichen Anschlüsse auf der Rückseite beinhalten neben drei USB 3.0 gleich zwei HDMI-Ports. Einen Out-Port für den Fernseher, aber eben auch einen In-Port, um andere Geräte, wie Blu-ray Player, Sat- und Kabel-Receiver oder eben eine Xbox 360 anschließen zu können. Die Geräte lassen sich dann bequem durch die Xbox One steuern. Das ist Teil von Microsoft's Vision eines multimedialen Alleskönners im Wohnzimmer. Meine ersten Tests damit waren erstaunlich positiv und überraschend leise! Das Röhren der alten Konsolen-Generationen ist damit hoffentlich Vergangenheit. Etwas geteilter ist meine Meinung über die beiden mitgelieferten Gadgets. Der Controller ist immer noch exzellent und man hat an der Ergonomie glücklicherweise nicht viel geändert. Er liegt sehr gut in der Hand und ist leichter, als er aussieht. Die Analogsticks haben jetzt eine kleinere Deadzone und ihre Ränder wurden mit einer geriffelten Oberfläche versehen, was ein Abrutschen verhindert. Die beiden Schultertasten LB und RB lassen sich zwar nicht mehr so angenehm erreichen, dafür ist der Druckweg kürzer. Da es sich dabei standardmäßig um die Feuertasten bei Shootern handelt, dürften sich Freunde des schnellen Schusses über den kürzeren Weg freuen. Eine durchweg positive Neuerung ist die neue Rüttelmechanik.

Der Controller rumpelt ab sofort etwas subtiler. Grund dafür sind kleine Force Feedback-Motoren in den Schultertasten. Forza Motorsport 5 demonstriert dieses neue Feature sehr eindrucksvoll. Komme ich beispielsweise mit meinem rechten Reifen von der Fahrbahn ab, vibrieren auch nur die rechten Trigger. Je nach Art des Untergrunds variiert sogar die Stärke der Vibrationen. Damit lassen sich ganz neue Effekte während des Spielens erzielen, welche die Hersteller hoffentlich bald zu nutzen wissen, um das Spielerlebnis noch zu erweitern. Damit zusätzlich PC-Nutzer in den Genuss dieses erstklassigen Gamepads kommen, gibt es mittlerweile eine offizielle Treibersoftware für den heimischen Computer. Die Kinect ist dagegen weiterhin ein Sorgenkind der Microsoft Xbox One. Die eingebaute Kamera und der Sensor sorgten schon vor dem Release für negative Schlagzeilen. Sie erkennen den Nutzer anhand bestimmter Charakteristika von Körperbau bis hin zu Gesichtszügen. Die Infrarot-Funktion kann sogar Körpertemperatur und Blutdruck erkennen, was natürlich gewisse Datenschutz-Fragen aufwirft. Dass der Sensor mit Hilfe der gesammelten Daten automatisch die Profile der Nutzer zuordnen kann, wirkt in diesem Zusammenhang etwas gespenstisch, obwohl es gut funktioniert und überaus praktisch ist. Es erinnert eben doch sehr an Orwell's Dystopie. Als wäre das nicht schon schlimm genug, ist die Gestensteuerung über die Kinect immer noch unpraktisch und bestenfalls eine Zeit und Nerven strapazierende Spielerei. Es funktioniert zwar besser als beim Vorgängermodell, läuft aber bei weitem nicht zu hundert Prozent.

test-xboxone2Ich bezweifle, dass die Zockergemeinde für die zweite Generation bessere Kinect-Spiele bekommt, als das bei der ersten der Fall war. Einen echten Nutzen hat die Kinect immerhin dank der guten Sprachsteuerung bei der Verwaltung der zahlreichen Apps. Statt sich durch ein überfrachtetes Menü zu quälen, können Apps und Menüfunktionen direkt mit einer gesprochenen Befehlszeile geöffnet werden. Allerdings verhält sich das System hier etwas Oberlehrerhaft. Ich muss den Befehl und auch den App-Titel Wort für Wort richtig aufsagen, sonst geht nichts vorwärts. Etwas Übung ist also von Nöten, danach läuft es aber mit dem gesprochenen Wort überraschend flüssig. Das Gerät erkennt auch leiser gesprochene Sätze und kommt mit einem leichtem Dialekt klar. Trotzdem kann sich ein halbwegs geübter Gamer mit dem Gamepad genauso schnell durch die wichtigsten Menüs bewegen. Eine weitere Stärke spielt Kinect bei der Nutzung von Kommunikationsdiensten wie Skype aus. Nicht nur die Sprachfunktion, sondern auch die gute Kamera machen sowohl den Video-Chat als auch den klassischen Voice-Chat zu einer runden Sache. Die effektive Einbindung der Skype-App macht die Nutzung darüber hinaus kinderleicht. Diesen Vorteil brauchen aber nicht alle, weshalb die Microsoft Xbox One seit Juni auch ohne Kinect zu einem günstigeren Preis angeboten wird. Was darüber hinaus einen positiven Einfluss auf die Leistung der Konsole haben soll, weil Rechnerkapazitäten frei werden. Daher werden weder Gamer noch Datenschützer das Zusatzgerät schmerzlich vermissen.

Damit wären wir auch schon mitten drin im eigentlichen Herzstück der Xbox One: dem Dashboard. Egal ob mit oder ohne Kinect, das Dashboard erweist sich als überaus benutzerfreundlich. Besitzer einer Xbox 360 werden sich auf den ersten Blick gut zurecht finden. Auch Nutzer von Windows 8 sollten keine großen Probleme mit dem Kachelsystem haben. Im Groben besteht es aus drei Teilen. Auf der zentralen „Startseite“ sehe ich alles was wichtig ist. Das größte Feld zeigt an, was gerade läuft. Rechts davon habe ich Zugriff auf das Disc-Laufwerk, meine Spiele und Apps, außerdem kann ich das Andock-Feature aktivieren. Links sehe ich meinen sogenannten Gamertag mit ein paar Zusatzinformationen. Die unteren vier Kacheln zeigen an, was ich zuletzt benutzt habe. Mit einem Druck auf die linke Schultertaste komme ich zum „Pins“-Teil. Dort kann ich all das pinnen, was ich häufig benutze und deshalb schnell parat haben will. Der letzte Teil, rechts von der Startseite, beinhaltet den Store. Neben Spielen, Filmen und Musik kann ich hier auch jede Menge kostenfreie Apps erwerben. Etwas suchen muss ich unter Umständen, wenn ich nach längerer Zeit ein paar meiner Einstellungen ändern will. Hier kann die Sprachfunktion der Kinect sehr hilfreich sein.

test-xboxone3Im Großen und Ganzen handelt es sich um einen sehr komfortablen, bestens durchdachten Aufbau, der mich schnell zu den wichtigen Punkten bringt. Dank des Dashboards ist meine erste kleine Entdeckungstour auch richtig angenehm. Nach nur einer Stunde habe ich bereits einige der wirklich wichtigen Apps wie YouTube, Skype oder Twitch heruntergeladen und ein kurzes Sprachtutorial für meine Kinect bewältigt. Außerdem habe ich entdeckt, dass es eine hauseigene App für das Aufnehmen meiner Spielerlebnisse gibt, die eng an eine Fim-App zum Schneiden und Uploaden dieser filmischen Meisterwerke gekoppelt ist. Ich kann das Ergebnis auf einer Cloud speichern oder direkt bei YouTube hochladen. Am interessantesten waren aber meine ersten zarten Versuche mit der Andock-Funktion. Sie soll es mir ermöglichen, beim Spielen einen YouTube-Clip oder eine TV-Sendung ansehen zu können. Das entsprechende Programm läuft dann am rechten Bildschirmrand in einem Balken, der dort eben angedockt wurde. Schnell stellte ich fest, dass sich das komplizierter anhört, als es ist. Ein bisschen Button-Gedrücke oder ein hörbares „Xbox, andocken YouTube“ reichte aus und ich war auf meinem Fernseher multimedial unterwegs. Doch im Paradies angekommen, gab es schnell ein wenig Ärger: zum einen verkamen YouTube-Clips zu Standbildern, wenn die Konsole beim Laden im Game ordentlich ranklotzen musste.

Besser klappt das mit einem angedockten Receiver. Zum anderen konnte ich die Blu-ray App nicht andocken. Das Schauen meiner Lieblingsserie auf Disc, während ich ein Game von der Festplatte spiele, ist also nicht so ohne weiteres möglich. Das trübt den positiven Gesamteindruck aber nur geringfügig. Die Microsoft Xbox One ist im Fazit eine solide, multimediale Gesamtlösung für das Wohnzimmer. Wer eine kompakte Entertainment-Zentrale sucht, wird bei dieser Konsole wirklich fündig. Es gibt jede Menge Anschlüsse für Drittgeräte, die Bedienung ist angenehm einfach und die multimedialen Möglichkeiten dank Apps zahlreich und solide integriert.  Lediglich bei der Kinect scheiden sich die Geister. Sicher können viele auf dieses Gadget verzichten. Die Sprachsteuerung und der Einsatz für Skype sind aber eine durchaus wertvolle Ergänzung. Wie wertvoll die Konsole für Gamer wird, lässt sich noch nicht so genau sagen. Die ersten Titel sind noch nicht aussagekräftig genug. Die nächsten Monate müssen also zeigen, ob Microsoft's Strategiewechsel in Sachen Gaming die erhofften Früchte trägt. Auf jeden Fall bleibt der Xbox Controller state of the art. Jeder Endverbraucher, der mehr als eine Videospielplattform haben will, sollte spätestens jetzt einen Blick auf die Xbox One werfen.
- Sven Sauerhammer | www.xbox.com